Sozialistische Offensive sprach mit B. Youvraj, New Socialist Alternative (CWI in Indien), über die sogenannte Kakerlakenbewegung, einer Protestbewegung von Jugendlichen, ausgelöst durch die Verschärfung von Zugangsprüfungen für das Medizinstudium. Sie heißt Kakerlakenbewegung, weil der Innenminister die Protestierenden als “Kakerlaken” bezeichnet hatte, worauf die Cockroach Janta Party ursprünglich als Satire-Projekt gegründet wurde. Die Bewegung baute hauptsächlich durch 34 Tage Sitzstreiks an den Universitäten Druck auf die Regierung auf, was Ende Juli zum Rücktritt des Bildungsministers führte. Sie bedeutet auch Gegenwind für die Regierung von Narendra Modi, der in Indien seit 2014 mit der BJP, einer rechtspopulistischen und chauvinistischen Partei, an der Macht ist.  

Was sind die Bedingungen, die zum Ausbruch der Bewegung führten?  

In den letzten Jahren hat sich Wut und Desillusionierung in Indien aufgebaut. Modi hatte ein “Neues Indien” versprochen und diese Versprechen nicht gehalten. Es hat aber 6 Jahre gedauert, bis die Stimmung umgeschlagen ist. Besonders nach Covid und mit der Einführung von neuen Arbeitsgesetzen war das der Fall. Die Frage von Jobs und Arbeitslosigkeit, aber auch der Verfall des Bildungssystems sorgten für Wut. Aber die Oppositionsparteien waren schwach, das war der Grund, warum Modi die Kontrolle behalten konnte. Über Jahre hatte es seit 2020 immer wieder Generalstreiks gegen Modis Arbeitsgesetze gegeben. Der Auslöser für die aktuelle Jugendbewegung waren die Zugangsprüfungen für das Medizinstudium. Das Medizinstudium ist in Indien sehr begehrt, weil es eine der wenigen Aufstiegsmöglichkeiten ist – die Löhne in anderen Jobs sind so niedrig. 

Kannst du uns über die Stärken und Schwächen der Bewegung erzählen?

Ich denke, eine Stärke der Bewegung war, dass sie die Studierenden und Jugend mobilisiert und inspiriert hat. Die Bewegung startete um eine Einzelfrage im Bildungssystem, aber entwickelte sich rasch zu einer politischen Massenbewegung, die in bestimmten Fragen die Regierung herausforderte. Die Hauptschwäche war die fehlende Organisierung und dass die Bewegung keine demokratischen Strukturen hat. Die Medien sprechen von der Kakerlakenbewegung, aber in Wirklichkeit hat die Cockroach Party die Bewegung zwar via Social Media gestartet, aber die eigentliche Mobilisierung passierte on the Ground durch die linken Studierendenorganisationen, die die Sitzstreiks organisierten. Die Cockroach Party hatte nichts mit dem Sitzstreik zu tun, sie versuchte zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar, die Bewegung zurückzuhalten, z.B. in Bezug auf den Rücktritt des Bildungsministers. Es lag am Druck von unten, dass die Cockroach Party später einige allgemeine Forderungen bezüglich des Bildungszugangs aufgriffen. Es gab auch wenig Verbindungen zur organisierten Arbeiter*innenbewegung. 

Die Bewegung hat gezeigt, dass Modi nicht unbesiegbar ist. Andere auf der Linken behaupten, die Modi Regierung sei faschistisch – wie charakterisiert das CWI in Indien die Modi Regierung?

Wir sagen schon seit längerem, dass die Modi Regierung nicht faschistisch ist. Uns ist Faschismus kein vager Begriff. Er impliziert eine Massenbewegung, um die organisierte Arbeiter*innenbewegung zu zerschlagen. Es stimmt, dass die Modi Regierung eine rechtsgerichtete mit autoritären Zügen ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gab es Massenunterstützung für die Modi Regierung, zwischen 2014 und 2017. Aber selbst diese Massenunterstützung war nicht sehr ideologisch gefestigt, sondern bestand eher auf der Basis von Modis Versprechen besserer Zeiten. Und diese Unterstützung ist in den letzten sieben Jahren dahingeschmolzen. Viele stehen der Modi Regierung heute kritisch gegenüber. 

Hat die Bewegung die Spaltungen zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen etwas abgemildert?

Bis jetzt war die Bewegung säkular, quer über ethnische und religiöse Linien hinweg. Defacto haben einige Slogans diese Spaltungen durch die Modi Regierung aufgegriffen: “Wenn Modi Angst vor der Bevölkerung hat, greift er Muslim*innen an.”

In Indien gab es in der jüngeren Vergangenheit wiederholt Generalstreiks – einer davon fand erst vor ein paar Monaten statt. Was kannst du uns dazu erzählen?

Die indische Arbeiter*innenklasse ist groß, was die Zahlen angeht. Aber von dieser riesigen Arbeiter*innenklasse sind nur 7% in den Gewerkschaften organisiert. Dennoch ist dieser organisierte Teil wichtig. Wenn gestreikt wird, sind trotz des nierigend Organisationsgrads sehr große Zahlen im Streik. Einer der Gründe, wieso wir zuletzt mehr Generalstreiks hatten, war, dass die Regierung 2020 neue Arbeitsgesetze eingeführt hat, unter dem Vorwand, sie zu vereinfachen. Aber de facto war das ein Versuch, die Arbeiter*innenklasse um ihre kollektive Verhandlungsmacht zu bringen. Die neuen Arbeitsgesetze richten sich klar gegen die Arbeiter*innen – und das spüren die Menschen. Daher gab es fast jedes Jahr seit 2020 einen oder zwei Generalstreiks. Ein Teilerfolg war, dass die Regierung 2020 die Gesetze zwar beschlossen hat, aber ihre Umsetzung um fünf Jahre verschoben hatte. Dieses Jahr sollten sie nun in Kraft treten – und dagegen richtete sich der letzte Generalstreik im Frühjahr 2026. Aber die Gewerkschaftsführung hat nur zaghaft mobilisiert. Sie hat Angst vor der potentiellen Macht der Arbeiter*innen und zögerte, weil ein Generalstreik die Machtfrage stellt und potentiell die Regierung herausfordert. 

Was sind Programm und Forderungen, die New Socialist Alternative in die Bewegung einbringt? Und wie kann die Bewegung mit der organisierten Arbeiter*innenklasse verbunden werden?

Wir arbeiten in der Bewegung mit einer Kampagne die sich  „RRR“ nennt: „Resist, Reclaim, Rebuild“ – Widerstand gegen das Regime, Demokratie zurückerobern, sowie mit dem Kapitalismus brechen und die Gesellschaft entlang sozialistischer Linien neu organisieren. Das heißt, Widerstand und Demokratie allein reichen nicht – das gesamte kapitalistische System muss auf den Misthaufen der Geschichte geworfen werden. Wir fordern gemeinsame Koordinierungskomitees der linken Studierendenorganisationen und der Cockroach Party, um der Bewegung eine demokratische Struktur zu geben. Die Gewerkschaften rufen wir auf, die Studierenden durch Streiks und Demonstrationen zu unterstützen. Unsere eigene kleine Baugewerkschaft hat zwei Solidaritätsdemonstrationen organisiert. Auf Stadtebene haben wir ein Solidaritätskomitee gegründet, das ebenfalls Demonstrationen organisiert. 

Für gewöhnlich ist eine Schwäche von Bewegungen gegen rechte Regierungen, dass die Oppositionsparteien so schwach sind. Die Frage der politischen Alternative ist unklar. 

Das stimmt, die politische Alternative fehlt. Große Teile der indischen Linken unterstützen die Kongresspartei [die größte Oppositionspartei, Anm.] als „kleineres Übel“, ohne ein unabhängiges Programm anzubieten. Wir brauchen aber eine Regierung, die die Interessen der Arbeiter*innen und Massen vertritt und mit dem Kapitalismus bricht – mit einem sozialistischen Programm.