Von Sonja Grusch, SO Wien

Zu Beginn dieses Jahres schien sich nach Ansicht einiger Analyst*innen die Weltwirtschaft in eine vielversprechende Richtung zu entwickeln. Der IWF korrigierte seine Prognose vom Oktober 2025 nach oben und sprach von einem „robusten Wachstum“. Die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit den Kriegen im Nahen Osten zeigen allerdings, dass dieser Optimismus eher ein Wunschtraum war, als dass er einer soliden Basis entsprungen wäre. Nur wenige Tage nach Beginn der US-amerikanisch-israelischen Bombardements auf den Iran und einem Krieg, der inzwischen mehr als 10 Länder umfasst, warnte IWF-Chefin Kristalina Georgieva: „Sollte sich dieser Konflikt als langwieriger erweisen, hat er das Potenzial, die globalen Energiepreise, die Marktstimmung, das Wachstum und die Inflation zu beeinflussen…“

Tatsächlich stolpert die Weltwirtschaft schon seit geraumer Zeit von einer Krise in die nächste was sich auch in der anhaltenden Debatte unter kapitalistischen Strateg*innen zeigt, die sich v.a. darum dreht, wie und wann die nächste Krise ausbrechen wird. Doch angesichts der tiefgreifenden und umfassenden Krise des Kapitalismus klammern sich dessen Verteidiger*innen und Vertreter*innen an jeden Strohhalm und blasen jeden noch so kleinen Hoffnungsschimmer zum Licht am Ende des Tunnels auf. Die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten auf die Weltwirtschaft hängen in hohem Maße von den Folgen der militärischen Entwicklung (wie Angriffen auf Ölanlagen in der Region und der Sperre der Transportwege für Öl) sowie von der Dauer des Konflikts ab. Die Trump-Regierung verspricht zwar weiterhin einen kurzen Krieg, doch das Weiße Haus könnte durch die Aktivitäten der israelischen Regierung und die Dynamik des von ihnen ausgelösten Konflikts gezwungen sein, weiter zu gehen, als ursprünglich geplant war. Und selbst wenn dieser Krieg bald vorbei sein sollte, bleiben die zugrunde liegenden Schwächen des Weltkapitalismus bestehen und damit auch der verstärkte Wettbewerb, die Spannungen, Konflikte und Kriege. 

Öl, Handel, Inflation 

Wenn man ein Auto fährt, das Benzin bzw. Diesel benötigt, oder Benzin/Diesel zum Kochen oder zum Betreiben von Generatoren braucht, wie zum Beispiel in Nigeria, wird der Besuch an der Tankstelle mit verfügbarem, erschwinglichem Kraftstoff zur Seltenheit. Innerhalb weniger Stunden nach Kriegsbeginn stiegen die Treibstoffpreise, und die Kosten werden einmal mehr den normalen Verbraucher*innen aufgebürdet. In Europa schnellten die Großhandelspreise innerhalb weniger Tage in die Höhe und schwanken je nach militärischer Lage. Ganz abgesehen davon, dass Unternehmen darauf aus sind, einfach und schnell zusätzlich Profite zu machen, werden die Auswirkungen des Anstiegs der Energiepreise enorm sein. 

Die Hälfte der weltweiten Ölreserven befindet sich im Nahen Osten. Sie sind nun bedroht, da die Förderung und Verarbeitung und noch stärker der Handel von Öl beeinträchtigt sind. Rund ein Viertel des weltweiten Ölhandels verlief letztes Jahr durch die Straße von Hormus, die derzeit blockiert ist. Hunderte von Öltankern mit Millionen Barrel Rohöl sitzen fest. Der größte Teil dieses Öls geht normalerweise nach Asien. Europa ist stärker von den Problemen bei der Gasversorgung betroffen, und für die USA wird es weniger ein Versorgungsproblem sein, sondern ein Preisproblem. Asien könnte jedoch direkter und stärker betroffen sein. Gleichzeitig ist Asien nach wie vor der dynamischste Teil einer weltweit schwächelnden Wirtschaft. Die asiatischen Aktienmärkte reagierten sofort mit einem starken Einbruch auf den Krieg, haben sich wieder stabilisiert und bewegen sich nun – wie die Öl- und Gaspreise – im Einklang mit den militärischen Ereignissen. Doch die Möglichkeit eines weiteren, längeren und härteren Einbruchs ist sehr real. 

Die US-Regierung unter Trump ist nicht nur die eines wahnsinnigen Egomanen: Die MAGA-Idee umfasst auch die wirtschaftlichen Konzepte von Protektionismus, von Re- und Near-Shoring, von Entkopplung und Autarkie. Angesichts der jüngsten Ereignisse wird deutlich, dass Trumps Angriff auf Venezuela, der das Ziel hatte, Kontrolle über das Öl des Landes zu erlangen und ein gefügigeres Regime durchzusetzen, wohl zumindest teilweise als Vorbereitung für den Angriff auf den Iran gedient hat. 

Zwischen Ende 2025 und Anfang 2026, also nachdem Maduro von den USA entführt worden ist, haben sich die Ölexporte Venezuelas fast verdoppelt. Und die Exporte verlagerten sich von China zur USA, die damit ihre Position als Hauptabnehmer von Öl aus Venezuela zurückeroberten. So erhielten die USA im Januar 300.000 Barrel pro Tag, etwa jene Menge, die China zuvor kaufte, das nun nur noch etwa die Hälfte davon bekommt. 

Die USA sind sich der wirtschaftlichen Gefahren für Asien bewusst und haben Indien daher eine Sondergenehmigung für die Nutzung von russischem Öl erteilt. Während Trump Indien noch vor wenigen Monaten dafür mit zusätzlichen Zöllen bestraft hatte, gewährt er nun ein Zeitfenster von 30 Tagen. Dies ist im Zusammenhang mit dem Versuch zu sehen, Indien zu einem noch stärkeren Verbündeten der USA in der Region zu machen, insbesondere gegenüber China.

Im Gegensatz zu früheren US-Präsidenten ist Trump offener in Bezug auf seine Agenda, die die wirtschaftlichen Interessen eines Teils des US-Kapitals vertritt. Bei anderen Kriegen wurde uns – fälschlicherweise – erzählt, es ginge um Menschenrechte, Frauenrechte, Demokratie usw. Trump ist in seinem Bestreben, „Deals“ abzuschließen, unverblümter.  

China hat sich in den letzten Jahrzehnten zum dynamischsten und wettbewerbsfähigsten Teil der Weltwirtschaft entwickelt. Es ist ein bedeutender Rivale für die Interessen des US-Kapitals in allen Teilen der Welt, zunehmend auch vor Trumps Haustür, in Lateinamerika. Außerdem erhöht China seine Militärausgaben seit mehreren Jahren um über 7 Prozent pro Jahr  und macht deutlich: „Da China auf der globalen Bühne eine immer wichtigere Rolle spielt, hat sein Militär eine größere Verantwortung übernommen, der internationalen Gemeinschaft mehr Güter der öffentlichen Sicherheit zur Verfügung zu stellen.“


Ein direkter Angriff auf China ist – militärisch, politisch und wirtschaftlich – für die USA zu gefährlich. Doch nach Venezuela ist der Angriff auf den Iran der Versuch, ein weiteres Land aus Chinas Einflusssphäre herauszulösen. Die israelische und die US-Regierung mögen zwar unterschiedliche Interessen in Bezug auf den Iran haben, doch im Moment decken sich diese und führten zu diesem Angriff. Für die USA geht es um weit mehr als nur „Öl“; die Angriffe weisen Züge eines Stellvertreterkriegs gegen China auf. 

Aus politischen und strategischen Gründen ist die herrschende Klasse der USA durchaus daran interessiert, China zu schwächen, doch wirtschaftlich könnte sich genau das als Katastrophe herausstellen.

Zwar hat sich der Prozess der wirtschaftlichen Entkopplung seit der Covid-Krise ausgeweitet, doch die Weltwirtschaft ist nach wie vor stark miteinander verbunden. So liegen z.B. drei der vier Länder, die den Großteil der weltweiten Halbleiter produzieren, in Asien. Trumps Zollkrieg mit China senkte 2025 den Wert der chinesischen Exporte in die USA um 20 Prozent. Dennoch ist ihr Umfang nach wie vor enorm: Exporte im Wert von 106.000 Millionen US-Dollar nach China und Importe aus China im Wert von 308.000 Millionen – wodurch China der drittgrößte Handelspartner der USA bleibt.

China ist außerdem nach wie vor der zweitgrößte Gläubiger der USA, sodass ein schwerwiegender Einbruch der chinesischen Wirtschaft auch für die USA gravierende negative Auswirkungen hätte (z.B. wenn China beginnen würde, US-Anleihen zu verkaufen). Die Idee, der chinesischen Wirtschaft zum Vorteil der USA zu schaden, könnte sich als einfältig erweisen. Keine Region bleibt von wirtschaftlichen Problemen in anderen Regionen unberührt, da die Verbindungen durch Handel, Lieferketten, Kredite, ausländische Direktinvestitionen und vieles mehr nach wie vor stark sind. Asien ist derzeit der dynamischste Teil der Weltwirtschaft, sodass ein Abschwung dort noch weitreichendere Auswirkungen auf den Rest der Weltwirtschaft hätte.  

Zudem könnte ein länger anhaltender Anstieg der Energiepreise den Albtraum der Inflation zurückbringen, der gerade erst halbwegs unter Kontrolle schien. Obwohl die Inflation nicht das Ergebnis halbwegs ordentlicher Lohnabschlüsse ist, sondern ihre Ursache in Spekulation, Profiten, Mangel und Staatsverschuldung liegen, wird es wieder die Arbeiter*innenklasse sein, die einen Anstieg der Inflation zahlen muß. Das wird Arbeiter*innen und ärmere Schichten in den entwickelten kapitalistischen Ländern wie in den USA und Europa treffen, aber noch weit stärker in den Schwellenländern und den neokolonialen Ländern. Die steigenden Energiepreise, die steigenden Kosten im Transportwesen und bei anderen Gütern wie z.B.. bei Düngemitteln wird zu höheren Preisen bei Gütern des täglichen Lebens und in anderen Bereichen führen. Dazu kommt noch, dass Geld von den schwächeren zu den stärkeren (und damit sichereren) Volkswirtschaften fließen wird: All das wird dramatische Auswirkungen auf die armen Massen in Afrika, Asien und Lateinamerika haben.

Der Krieg verstärkt den Drahtseilakt

Die Weltwirtschaft befand sich bereits vor Kriegsbeginn in einer instabilen Lage. Nach dem Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit Anfang der 1970er Jahre ging es jahrzehntelang von einer Krise zur nächsten. Damit endete das scheinbar „goldene Zeitalter“ des Kapitalismus, geprägt von Wachstum und Wohlstand, zumindest in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, als das System sich angesichts der Existenz alternativer, wenn auch undemokratischer, nicht-kapitalistischer Volkswirtschaften wie der ehemaligen Sowjetunion als sozial präsentieren musste und konnte. 

Doch seit Ende der 1960er Jahre befindet sich die Wirtschaft, ungeachtet enormer Entwicklungen in Wissenschaft und Technik, in einem allgemeinen Abwärtstrend. Es gab zwar Wachstumsphasen, wie etwa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und als Chinas rasantes Wachstum eine ganz neue Welt billiger Arbeitskräfte, billiger Ressourcen und Konsumenten eröffnete. Im Allgemeinen wurden die Aufschwünge jedoch schwächer und kürzer, Schulden und Finanzspekulationen nahmen zu, und Krisen traten häufiger auf und waren tiefgreifender.

Von der tiefen Krise der Jahre 2007/08 hat sie sich nie wirklich erholt. Seitdem sind die weltweite Verschuldung (die damals bereits auf einem gefährlichen Rekordniveau lag), die Staatsverschuldung und die Verschuldung an den Aktienmärkten weiter auf über 300 Prozent des globalen BIP gestiegen (im Vergleich zu über 200 Prozent im Jahr 2007). Die Covid-Krise, gefolgt von der Krise in den Lieferketten, hat die Schulden weiter erhöht und zu einer Rekordinflation mit der Krise der Lebenshaltungskosten geführt.  

Die Zahl der Zombie-Unternehmen, die zwar irgendwie “überleben”, aber wirtschaftlich eigentlich tot sind, liegt in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern bei geschätzten zehn Prozent und in schwächeren Volkswirtschaften sogar noch höher – und die Zahl dieser Zombie-Unternehmen wächst um bis zu zehn Prozent pro Jahr. Nach der Krise von 2007 wurden viele Versprechen gemacht, das Risiko von Finanzblasen zu verringern. Doch heute haben wir neue solcher Blasen und das “Versprechen” neuer profitabler Märkte. Nachdem die Kryptowährungen nachgegeben haben, hofft man nun auf die neue Rettung durch Künstliche Intelligenz. KI-Unternehmen sind hoch bewertet und reich, aber gerade ihre Aktienwerte sind Blasen, da 95 Prozent der Unternehmen, die in diesem Bereich engagiert sind, bisher noch gar keine echten Gewinne erzielt haben. Das Risiko auf den Finanzmärkten ist enorm, auch wenn es sich von traditionellen Banken auf Nichtbanken-Finanzinstitute (NBFIs) und Finanzunternehmen im Familienbesitz verlagert hat.

Der jüngste Angriff auf den Iran folgt den spezifischen politischen Interessen von Netanjahu, Trump und den politischen Strömungen die sie anführen, wird jedoch tiefgreifende politische und wirtschaftliche Auswirkungen auf die Region und, falls er andauert, auf die ganze Welt haben. 

Die Welt wird noch multipolarer 

Der Mangel an Öl und Gas könnte dazu führen, dass Russland diese Lücke füllt. Das Beispiel Indiens zeigt das bereits und andere könnten folgen. Die türkische Regierung unter Erdogan befürchtet, dass der Anstieg der Energiepreise den zaghaften wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zunichte machen und die Inflation erneut antreiben könnte. Nun versucht die Türkei, sich als Vermittlerin zu präsentieren, könnte aber dann weiter in Richtung Russland und China gedrängt werden, wenn die herrschende Klasse von Israel es schafft, ihre regionale Macht weiter auszubauen. Teile der rechtspopulistischen Kräfte in Europa nutzen die Energiefrage offen als Rechtfertigung dafür, dass sie sich auf russische Unterstützung stützen, um der Konkurrenz ihrer Länder Paroli zu bieten. Und Hand in Hand mit den „liberalen“ bürgerlichen Parteien greifen sie zu immer hysterischerer Propaganda gegen Flüchtlinge und Migrant*innen und sprechen davon, wie man eine Mauer gegen eine neue „Welle“ von Flüchtlingen errichten könnte – jene Flüchtlinge, die vor den vom Imperialismus verursachten Kriegen fliehen.  

Gerade Europa befindet sich schon seit längerem in einer prekären wirtschaftlichen Lage, in der kaum Wachstum zu verzeichnen ist. Dadurch gerät Europa zunehmend ins Hintertreffen. Die sehr fragile wirtschaftliche Erholung nach Covid in Europa könnte enden, bevor sie richtig begonnen hat. Die EU selbst steckt seit einiger Zeit in einer Krise; ihre politische Krise ist eine Folge ihrer wirtschaftlichen Krise. Letztere hat ihre Wurzeln darin, dass die EU nicht in der Lage ist, die unterschiedlichen nationalen Interessen des jeweiligen nationalen Kapitals zu überwinden – und dies umso weniger, je stärker die Wirtschaftskrise zuschlägt. Da die EU zunehmend ins Hintertreffen gerät, fordern die einzelnen Mitgliedstaaten durchaus unterschiedliche internationale Strategien und setzen auch konkrete, auch widersprüchliche, Schritte. Teile des britischen Kapitals wie auch Rechtspopulist*innen versuchten, mit dem Brexit einen eigenen Weg zu gehen. Sie stellten jedoch schnell fest, dass auch dies keine Lösung für die allgemeine Krise des Kapitalismus ist. Die führende europäische Wirtschaftsnation Deutschland versucht eine Art „unabhängige“ Haltung einzunehmen, bei der es sich eher den USA zuwendet, aber auch wirtschaftlich mit China liebäugelt und auf eine Militarisierung Europas drängt, bei der Deutschland dann die größte Armee hätte. Frankreich wiederum versucht, seine eigenen Atomwaffen als “Argument” einzusetzen, um andere Staaten näher an sich heran zu führen. Eine Reihe schwächerer Volkswirtschaften wie Ungarn und andere, insbesondere in Osteuropa, setzen auf eine stärkere Kooperation mit China. Diese Entwicklung wird nicht nur die Spannungen innerhalb der EU verschärfen, sondern könnte auch zu einer getriebenen, hektischen und verzweifelten Politik führen, bei der man von einer Seite und einem Partner zum anderen springt, in der Hoffnung, zwischen den zunehmend dominierenden Mächten USA und China kleine Spielräume zu finden. 

Obwohl eine Reihe von Regierungen Öl aus ihren Reserven auf den Markt geworfen hat, hat der Krieg gegen den Iran weltweit dazu geführt, dass verschiedene Staaten nach Öl, Gas und Düngemitteln suchen. Das kann dem russischen Regime ein Zeitfenster verschaffen, um Öl und Gas zu verkaufen, Gewinne zu erzielen, und das kann ihm damit zusätzliche Ressourcen für den Krieg in der Ukraine verschaffen. Dies wiederum wird die Kosten für jene westlichen Regierungen erhöhen, die im Krieg die Ukraine unterstützen. Das wird deren Verschuldung erhöhen und somit den Druck, Ausgaben zu senken – und das bringt sie unter Druck durch ihre jeweilige Arbeiter*innenklasse. Die ohnehin schon unerschwinglichen Kosten für Militärausgaben werden weiter steigen. Dies kann die Schulden und damit die Zinssätze erhöhen, was zu einem weiteren Rückgang der ohnehin schon niedrigen Investitionsquote führen und das schwache wirtschaftliche „Wachstum“ weiter verlangsamen könnte. Alles in allem entsteht hier gerade eine Lose-lose-situation für den Kapitalismus.

Wie stark sich all das auf die Weltwirtschaft auswirken wird, hängt von der Dauer des aktuellen Krieges und seinen Folgen ab. Sollte der Iran-Krieg länger andauern, könnte der Ölpreis auf 120 oder sogar 150 Dollar pro Barrel steigen (nahe dem Allzeithoch) – manche Analyst*innen befürchten sogar einen Preis von bis zu 200 Dollar. Vor allem in den neokolonialen Ländern könnte die Last steigender Preise zu einer (weiteren) Hinwendung zu China und, wenn auch in geringerem Ausmaß Russland, führen und die globalen politischen Spannungen weiter verschärfen. Ein noch höherer Ölpreis im Falle eines langwierigen Krieges könnte zu Stagflation führen, also zu Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum oder Stagnation. Die Wirtschaftskrise wird also die bereits bestehende politische Krise weiter verschärfen, was dazu führen kann, dass Regierungen zu immer diktatorischeren und repressiven Maßnahmen greifen.  

Kapitalismus kann Probleme – politisch und wirtschaftlich – nicht lösen 

Hinter dem Krieg steckt weit mehr als nur ein Versuch, die Aufmerksamkeit von Trumps niedrigen Zustimmungswerten und dem Skandal um die Epstein-Akten abzulenken. Er ist auch mehr als bloßes Wahlkampf-Getöse für Trump und Netanjahu, die beide in diesem Jahr mit Wahlen konfrontiert sind. Vielmehr stellt es den Versuch dar, die Hegemonie des US-Imperialismus aufrechtzuerhalten. Die Idee von Trump & Co. ist, dass die US Wirtschaft die ganze Welt, inklusive China, dominieren und gleichzeitig unabhängig von ihr sein soll. 

Doch beides ist nicht möglich. Der Krieg spiegelt in Wirklichkeit die Schwäche des Kapitalismus und dessen verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus dieser langwierigen Wirtschaftskrise wider. Trotz all seiner Brutalität und Gewalt ist der vom US-Imperialismus geführte Krieg auch ein Spiegelbild der Schwäche nicht nur der Wirtschaft, sondern auch ihrer politischen Vertretung. 

Im Gegensatz dazu ist die Hoffnung auf Frieden und allem was dazu gehört, ein zentraler Wunsch der ganz “normalen” Menschen auf der ganzen Welt. Die Angst vor Krieg im Inneren und nach außen gehört in einer Reihe von Ländern zu den größten Sorgen junger Menschen und führt zu „Doomerismus“ und Depressionen. Es wird immer offensichtlicher, dass die internationalen Institutionen – von der UNO über die EU bis hin zum Vatikan – die Situation nicht lösen können. Selbst wenn sie sich klar gegen den Krieg aussprechen, wird dies bestenfalls ignoriert. Zunehmende Spannungen sowie die Gefahr und das tatsächliche Ausbrechen von Kriegen sind die natürliche Folge der lang anhaltenden Krise des Kapitalismus. Rivalität und Krieg sind untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden. So wie es keinen Kapitalismus ohne Konkurrenz, Wirtschaftskrisen und auch Klassenkampf geben kann, kann es auch keinen dauerhaft friedlichen Kapitalismus geben. Das ist der Grund, warum Sozialist*innen den Kampf gegen Militarisierung und Krieg stets mit dem Kampf gegen Sozialabbau und gegen den Kapitalismus verbinden.

Und ja, auf den ersten Blick sieht die Lage düster aus: Rechte gewinnen Wahlen, es herrschen Krisen und Kriege. Bei genauerer Betrachtung ist die Lage jedoch weitaus positiver. Die Unterstützung für dieses verrottete System schwindet überall, und selbst wenn Menschen – oft aus Mangel an ernsthaften sozialistischen Alternativen – für rechte Kandidat*innen oder Parteien stimmen, drückt dies den Wunsch (so fehlgeleitet er auch sein mag) nach etwas völlig Neuem aus. 

In der letzten Zeit haben wir die Zunahme von Protesten und Kämpfen gesehen sowie immer und immer wieder Beispiele für Widerstand, insbesondere von jungen Menschen, der Generation Z, die für ihre Rechte aufstehen. In den letzten Jahren wurden Regierungen in Ländern wie Sri Lanka, Myanmar und Nepal gestürzt, doch das kapitalistische System blieb bestehen, da es keine sozialistische Kraft gab, die eine Bewegung für echte, sozialistische Veränderung hätte aufbauen können.

Obwohl Trump Präsident ist, gibt es in den USA breiten Widerstand gegen die Razzien von ICE und auch eine deutliche Ablehnung dafür, dass Trump schon wieder gemeinsam mit Israel einen Angriff auf den Iran begonnen hat. Wir sehen auf der ganzen Welt Proteste für Frauenrechte, für demokratische Rechte und die enorme internationale Solidaritätswelle mit den Menschen in Palästina und in den kurdischen Gebieten. Wir sehen, wie die Arbeiter*innen wieder auf die Bühne des Klassenkampfes zurückkehren, sich organisieren und die mächtige Waffe des Streiks bis hin zu Generalstreiks einsetzen. 

All dies zeigt das Potenzial, sich nicht nur gegen die Kriege zu wehren, sondern auch die Quelle des Krieges ein für alle Mal zu stürzen: den Kapitalismus. Die Herausforderung besteht nun darin, eine sozialistische Bewegung aufzubauen, die sowohl eine Alternative zum Kapitalismus bietet als auch ein klares Konzept dafür hat, wie diese Veränderung konkret erreicht werden kann.