Dieser Text von Philip Stott erschien ursprünglich auf Englisch in dem Buch “Leon Trotsky – A Revolutionary whose Ideas could’nt be killed”, das das CWI anlässlich des 80. Jahrestages der Ermordung Trotzki veröffentlichte.

Das Buch kann hier bestellt werden. Die einzelnen Kapitel kann man als Broschüren bei der Sozialistischen Offensive (sozialistischeoffensive@gmail.com) bestellen.

„Ohne eine präzise Position zur Gewerkschaftsfrage wird die Opposition [Marxisten] keinen wirklichen Einfluss in der Arbeiterklasse gewinnen können.“ Leo Trotzki, 1929

Die Herangehensweise von Leo Trotzki und überhaupt des Marxismus an die Gewerkschaften, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert als Massenorganisationen der Arbeiter*innen entstanden, sind reich an Lehren für heute. Nicht umsonst haben sich die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, mit den Lebensbedingungen der Arbeiter*innen auseinandergesetzt.

Die Gewerkschaften entwickelten sich zunächst, in den Worten Trotzkis, „in der Periode des Wachstums und des Aufstiegs des Kapitalismus“. Ihre Aufgabe war die Anhebung des materiellen und kulturellen Niveaus und die Ausweitung ihrer [der Arbeiter*innenklasse] politischen Rechte“. In Großbritannien zogen die Gewerkschaften, wie in vielen der ersten kapitalistischen Nationen, in unterschiedlichem Tempo Hunderttausende und später Millionen von Mitgliedern an. Durch Arbeitskampfmaßnahmen und Massenmobilisierung erzwangen die Arbeiter*innen Reformen bei den Bossen und im kapitalistischen System insgesamt.

Die Gewerkschaften kämpften für bessere Löhne, für die Verkürzung des Arbeitstages – und damit für die Verkürzung der Zeit, die den Kapitalist*innen zur Ausbeutung der Arbeitnehmer*innen zur Verfügung stand -, für die Verbesserung des Arbeitsschutzes und so weiter. Während in Großbritannien und einigen anderen Ländern die Gewerkschaften eine zentrale Rolle bei der Gründung der ersten Massenparteien der Arbeiter*innen spielten, war dies nicht generell der Fall. In anderen Ländern, wie in Deutschland, förderten die neu gegründeten Arbeiter*innenparteien die Gründung und Entwicklung großer Gewerkschaften. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernahmen viele der neuen Arbeiter*innenparteien, wie die deutsche SPD, marxistische Programme und standen zumindest formal für die sozialistische Revolution.

In den nominell sozialistischen Gewerkschaftsführungen entwickelten sich jedoch recht schnell prokapitalistische Tendenzen. Die Gewerkschaftsführer*innen erklärten bald, dass die Gewerkschaften von politischen Parteien „unabhängig“ sein müssten, und sie versuchten, sich von Parteibeschlüssen und -disziplin zu befreien, während sie sich zunehmend dem Kapitalismus anpassten. Mit ähnlichen Argumenten wehrten sich die meisten Gewerkschaftsführer*innen in Großbritannien und anderswo gegen die Idee, eine Arbeiter*innenpartei zu gründen, weil sie befürchteten, wie sich diese entwickeln könnte – eine Situation, die in den USA bis heute anhält.

Angesichts dieser Entwicklungen gewannen die Gewerkschaften für Marxist*innen eine entscheidende Bedeutung, die sie bis heute haben. Es gibt keinen Weg zu einer erfolgreichen sozialistischen Revolution ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften und den Arbeitsplätzen. Lenin und Trotzki bestanden darauf, dass eine Bedingung für die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Internationale – die im Gefolge der russischen Oktoberrevolution 1917 gegründet wurde – darin bestand, dass die Parteien und Gruppen eine konsequente Arbeit im Bereich der Gewerkschaften leisteten.

Trotzki stellte die Frage 1938 unverblümt an die Vierte Internationale: „Es ist notwendig, diese feste Regel aufzustellen: Selbstisolierung der kapitulierenden Sorte von den Massengewerkschaften, die einem Verrat an der Revolution gleichkommt, ist mit der Mitgliedschaft in der Vierten Internationale unvereinbar.“

Es hätte keine erfolgreiche russische Revolution gegeben, wenn Lenin, Trotzki und die Bolschewiki nicht überall im zaristischen Russischen Reich den beharrlichsten Weg zu den Arbeiter*innen eingeschlagen hätten. In den schnelllebigen Ereignissen des Jahres 1917 spielten die verschiedenen Arbeiter*innenorganisationen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Rollen. Oft standen die Sowjets oder die Fabrikkomitees an vorderster Front, während viele Gewerkschaftsführer*innen den Ereignissen hinterherhinkten und einige sich nach der Oktoberrevolution offen gegen die Bolschewiki stellten.

Eine der Aufgaben einer marxistischen Partei ist es, durch ihr Programm und ihre Tätigkeit dazu beizutragen, die Prozesse zu beschleunigen, die die Arbeiter*innenklasse dazu bringen, revolutionäre Schlussfolgerungen zu ziehen. Ein klares Programm und eine entschiedene Orientierung auf die Arbeiter*innenklasse und ihre Organisationen, insbesondere auf die Gewerkschaften, sind unerlässlich. Dies gilt sowohl für die Geschichte der marxistischen Bewegung als auch für die gegenwärtige Periode.

Heute sind rund drei Milliarden Menschen auf die eine oder andere Weise in der Weltwirtschaft beschäftigt. Etwa zwei Milliarden davon arbeiten im „informellen Sektor“, in nicht registrierten Unternehmen, als Selbstständige oder als prekäre und „irreguläre“ Arbeitnehmer*innen. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation sind über 516 Millionen Menschen Mitglied einer Gewerkschaft (davon 300 Millionen in den staatlichen „Gewerkschaften“ Chinas).

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad reicht von über 50 % in Island, Schweden, Dänemark und Belgien, wo die Gewerkschaften in den Sozial- und Gesundheitssystemen tätig sind, bis zu etwa 23 % im Vereinigten Königreich, 8 % in Frankreich und 10 % in den USA. Es überrascht nicht, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor weit höher ist als in der Privatwirtschaft. Die Wirtschaftskrise und die Offensiven der herrschenden Klasse haben zu einem Rückgang der Gewerkschaftsmitgliedschaft geführt. Viele der heutigen Gewerkschaftsführer*innen fördern keine aktive Gewerkschaftsmitgliedschaft und versuchen, demokratische Strukturen, die die Führung kontrollieren könnten, zu beseitigen oder zu schwächen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist zwar wichtig, gibt aber kein vollständiges Bild ab. In Frankreich hat die niedrige Mitgliederzahl der Gewerkschaften nicht verhindert, dass es wiederholt zu heftigen Kämpfen kam. Selbst dort, wo die Gewerkschaftsführungen eine eiserne Hand zu haben scheinen, können spontane betriebliche Kämpfe und Bewegungen stattfinden und zu Veränderungen führen.

In den letzten Jahren ist die Zahl der traditionellen Sektoren der Industriearbeiter*innenklasse durch den Rückgang des verarbeitenden Gewerbes und der industriellen Produktion in Europa und den USA sowie durch den technologischen Wandel zurückgegangen. Dies muss jedoch durch das Wachstum der Arbeiter*innenklasse in anderen Ländern ausgeglichen werden, insbesondere in Asien als Folge der Entwicklung Chinas, der Globalisierung und der Verlagerung der Produktion durch Großunternehmen in Niedriglohnländer. Darüber hinaus stellen die Arbeiter*innen des verarbeitenden Gewerbes und der Industrie in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern nach wie vor einen bedeutenden und entscheidenden Teil der Arbeiter*innenklasse dar, der über ein enormes kollektives Machtpotenzial verfügt. 

Gleichzeitig sind in der Logistik und der elektronischen Kommunikation potenziell mächtige neue Arbeitnehmer*innengruppen entstanden, während andere Sektoren wie das Verkehrswesen und der öffentliche Dienst, einschließlich des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesens, ihre Schlüsselpositionen behalten haben. Krisen, wie der Ausbruch der Covid-19-Pandemie, haben die Schlüsselrolle der Arbeiter*innenklasse für das Funktionieren der Gesellschaft in den Vordergrund gerückt.

Die Arbeiter*innenklasse in der neokolonialen Welt war noch nie so zahlreich wie heute, auch wenn viele von ihnen nicht gewerkschaftlich organisiert sind und prekäre Arbeitsverhältnisse haben. Dies steht im krassen Gegensatz zu der Situation, mit der Lenin und Trotzki 1917 in Russland konfrontiert waren, als die Arbeiter*innenklasse etwa 10 % der Bevölkerung ausmachte. Die globale Verstädterung hat dazu geführt, dass heute mehr als vier Milliarden Menschen in Städten auf der ganzen Welt leben, obwohl viele von ihnen keine reguläre Beschäftigung haben. Dennoch hat sich in der gesamten neokolonialen Welt eine potenziell mächtige Arbeiter*innenklasse herausgebildet. In Indien zum Beispiel beteiligten sich im Januar 2020 250 Millionen Arbeiter*innen und Arme an einem Generalstreik, zu dem zehn große Gewerkschaftsorganisationen aufgerufen hatten.

Streiks 

Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ist in einigen Ländern während der Covid-19-Pandemie erheblich gestiegen, da die Arbeitnehmer*innen darum gekämpft haben, den Arbeitgeber*innen die Kontrolle über Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu entreißen. The Economist (London), eine Zeitschrift des Großkapitals, kommentierte dies in einem Artikel mit der Überschrift „Trade Unions are Back: the crisis is winning trade unions influence, attention and members“.

Trotzki erkannte den doppelten Charakter der Gewerkschaften voll und ganz an: Sie können sowohl ein Mittel für den Kampf der Arbeiter*innen sein als auch den Kampf der Arbeiter*innen einschränken. Wie Trotzki betonte, neigt die Mehrheit der Gewerkschaftsführer*innen dazu, sich mit den allgemeinen Interessen des Kapitalismus zu verschmelzen. Wir haben dies während der Pandemie gesehen, als die Führer*innen der großen Gewerkschaftsorganisationen zu Beginn der Krise den kapitalistischen Regierungen Unterstützung und Zusammenarbeit mit den Bossen anboten, während sie oft die „soziale Distanzierung“ als Vorwand für die Unterdrückung aller Formen der Gewerkschaftsdemokratie nutzten. Wie oft haben wir erlebt, wie die aufgeblähte Gewerkschaftsbürokratie versucht hat, unabhängige Aktionen der Arbeiter*innen zu blockieren und den Klassenkampf zu behindern?

In einem Schreiben aus dem Jahr 1933 über die Gewerkschaftsführer*innen in Großbritannien erklärte Trotzki: „Der Zerfall des britischen Kapitalismus unter den Bedingungen des Niedergangs des kapitalistischen Weltsystems hat die Grundlage für die reformistische Arbeit der Gewerkschaften untergraben. Der Kapitalismus kann sich nur durch die Senkung des Lebensstandards der Arbeiter*innenklasse aufrechterhalten. Unter diesen Bedingungen können sich die Gewerkschaften entweder in revolutionäre Organisationen verwandeln oder zu Erfüllungsgehilfen des Kapitals bei der verschärften Ausbeutung der Arbeitnehmer*innen werden. Die Gewerkschaftsbürokratie, die ihr eigenes soziales Problem zufriedenstellend gelöst hat, wählte den zweiten Weg. Sie wandte die gesamte geballte Autorität der Gewerkschaften gegen die sozialistische Revolution und sogar gegen jeden Versuch der Arbeiter*innen, sich gegen die Angriffe des Kapitals und der Reaktion zu wehren.“

Diese Beschreibung hat auch heute noch ihre volle Gültigkeit. Man betrachte nur die beispiellose kapitalistische Wirtschaftskrise einerseits und die hochgradig bürokratisierten Gewerkschaftsführungen in den USA, Europa und international andererseits. In den USA erhalten die Spitzenfunktionär*innen der Gewerkschaften mehr als 500.000 Dollar pro Jahr.

In regelmäßigen Abständen kommt es zu Korruptionsskandalen in der Gewerkschaftsbürokratie, zuletzt in der Gewerkschaft United Auto Workers. Die aufgeblähten Gehälter dieser „Arbeiter*innenaristokratie“ werden von der Bourgeoisie bewusst gefördert, um zu versuchen, die Gewerkschaftsspitzen zu kaufen. Im Gegensatz dazu fordern Marxist*innen die regelmäßige Wahl von Gewerkschaftsfunktionären und dass diese von dem Durchschnittslohn eines Facharbeiters/einer Facharbeiterin leben sollten, wenn sie im Amt sind.

In seinem Manuskript „Trade Unions in the Epoch of Imperialist Decay“ („Gewerkschaften in der Epoche des imperialistischen Verfalls“) betonte Trotzki 1940 das gleiche Thema: „Die Gewerkschaften unserer Zeit können entweder als sekundäre Instrumente des imperialistischen Kapitalismus zur Unterordnung und Disziplinierung der Arbeiter*innen und zur Behinderung der Revolution dienen, oder aber die Gewerkschaften können zu Instrumenten der revolutionären Bewegung des Proletariats werden.“

Als Reaktion auf solche Entwicklungen haben sich manchmal mächtige, oft wütende Oppositionsbewegungen entwickelt, die die Führungen herausfordern, Basisorganisationen schaffen oder sogar aus bestehenden Gewerkschaften austreten. Die Herausforderung für Marxist*innen besteht darin, die jeweils beste Strategie und Taktik vorzuschlagen, die auf dem Aufbau von Unterstützung unter den Mitgliedern und deren Mobilisierung beruht. Die Umstände sind konkret. Im Allgemeinen würden wir versuchen, bestehende Gewerkschaften zu stärken und aufzubauen. In Ausnahmefällen jedoch, wenn pro-kapitalistische Gewerkschaftsführer*innen versuchen, Hochburgen der Militanz zu zerstören, kann es notwendig sein, die Gewerkschaft zu wechseln oder eine neue aufzubauen.

Manche Gruppierungen sind blind für diese Methode. Es gab ultralinke Gruppen, die eine Seite von Trotzkis Analyse nutzten, um die Arbeit innerhalb der „reaktionären“ Gewerkschaften abzuschreiben. Eine andere Variante der sektiererischen Ultralinken bestand darin, einen plumpen Ansatz zu verfolgen, der nicht darauf abzielte, ernsthaft eine kämpfende Linke innerhalb der Gewerkschaften aufzubauen, um die prokapitalistische Führung zu beseitigen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wies die Socialist Workers Party (SWP) in Großbritannien alle ihre Mitglieder an, von allen offiziellen Gewerkschaftspositionen, die sie innehatten, zurückzutreten („SWP/Respect Conference: Flawed Perspectives“, The Socialist newspaper, 29. Juni 2006).

Ironischerweise sind dieselben politischen Kräfte in manchen Zeiten auch geschickt darin, Kritik herunterzuspielen oder „linke“ Gewerkschaftsführer*innen zu unterstützen, lange nachdem sie nach rechts gerückt sind. Dies sind Beispiele dafür, dass Ultralinkstum und Opportunismus politische Zwillinge sind.

Mit dialektischer Klarheit hat Trotzki die Frage der Arbeit in den Massenorganisationen der Arbeiter*innen so formuliert: „Aus dem Gesagten geht ganz klar hervor, dass trotz der fortschreitenden Degeneration der Gewerkschaften und ihres Zusammenwachsens mit dem imperialistischen Staat die Arbeit in den Gewerkschaften nicht nur nichts von ihrer Bedeutung verliert, sondern unverändert bleibt und in gewissem Sinne für jede revolutionäre Partei eine noch wichtigere Arbeit als bisher wird. Es geht im Wesentlichen um den Kampf um den Einfluss auf die Arbeiter*innenklasse. Jede Organisation, jede Partei, jede Fraktion, die sich eine ultimative Position gegenüber der Gewerkschaft erlaubt, d.h. im Grunde genommen der Arbeiter*innenklasse den Rücken kehrt, nur weil sie mit ihren Organisationen unzufrieden ist, jede solche Organisation ist dem Untergang geweiht. Und es muss gesagt werden, dass sie den Untergang verdient.“ („Trade Unions in the Epoch of Imperialist Decay“, 1940)

Auf dieser Grundlage bauten Trotzkis Anhänger*innen, insbesondere in den USA, ihre gewerkschaftlichen Aktivitäten auf. In den 1930er Jahren war ein Höhepunkt dieser Aktivitäten in Minneapolis, wo die örtlichen Führer*innen der Kommunistischen Partei schon früher zur Etablierung des Trotzkismus in den USA beigetragen hatten. Der Sieg eines von ihnen geführten Streiks in einer Kohlenwerft Anfang 1934 bereitete den Weg für mächtige Kämpfe im selben Jahr. Nach diesem ersten Sieg wuchs die von Trotzkist*innen geführte Gewerkschaft rasch und begann, sich für eine 40-Stunden-Woche, Überstundenvergütung, Lohnerhöhungen und einen „closed shop“ (= verpflichtende Gewerkschaftsmitgliedschaft in einem Betrieb, Anm. d. Übers.) einzusetzen, so dass alle Arbeiter*innen von der Gewerkschaft vertreten werden würden. Bei Streiks zwischen Mai und August kam es zu erbitterten Kämpfen mit der Polizei und Streikbrecher*innen, die zur Verhängung des Kriegsrechts, zur Verhaftung der wichtigsten Streikführer*innen und zur Tötung von zwei Streikenden durch die Polizei führten, wobei 67 weitere verletzt wurden, was einen Protest-Generalstreik in der Stadt auslöste. Doch die Bewegung brach nicht zusammen, und schließlich war dieser von Trotzkist*innen geführte Streik siegreich, einer der drei bedeutenden Arbeiter*innenkämpfe in diesem Jahr in den USA, die den Weg für den Aufbau der CIO-Massengewerkschaften ebneten.

Das CWI (Komitee für eine Arbeiter*inneninternationale) und seine Sektionen haben von Anfang an revolutionäre Arbeit in den Gewerkschaften und an den Arbeitsplätzen geleistet. Militant (heute die Socialist Party) und seine Vorläufer halfen bei der Führung von Arbeitskämpfen in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs, beim Streik der Ingenieurslehrlinge 1960 in Merseyside und anderswo.

In der Gründungsresolution des CWI von 1974 hieß es: „Wir bekräftigen unser Vertrauen in das Industrieproletariat als die entscheidende Kraft im Kampf für den Sozialismus in jedem Land.“ In der marxistischen Linken war das CWI die einzige Partei, die über eine derart zielsichere Orientierung und ein derartiges Vertrauen in die Arbeiter*innenklasse verfügte, verbunden mit einer prinzipienfesten sozialistischen Politik. In der Tat war einer der Gründe für die Gründung des CWI gerade die Degeneration der von Ernest Mandel geführten Vierten Internationale, die sich in der Praxis von Trotzkis Ratschlägen abgewandt hatte, indem sie sich in den 1960er Jahren von der Arbeiter*innenbewegung abwandte und nach neuen so genannten „Zündern“ der Weltrevolution suchte: Student*innen, Guerillakrieg und Befreiungsbewegungen. Diese Fehler führten dazu, dass sie in die falsche Richtung blickten und politisch schlecht gerüstet waren, als 1968 der epische Generalstreik mit zehn Millionen Menschen in Frankreich ausbrach.

Auf der Grundlage der Erfahrungen Trotzkis und des CWI haben wir eine geduldige und konsequente Arbeit in den Gewerkschaften geleistet. Dazu gehört der Aufbau unserer Kräfte in der Arbeiter*innenklasse, insbesondere der jungen Arbeiter*innen, und die Nutzung unserer marxistischen Kräfte, um für kämpferische Gewerkschaften auf der Grundlage einer kämpferischen und sozialistischen Politik einzutreten. In diesem Zusammenhang ist auch der Aufbau demokratischer, in der Gewerkschaftsmitgliedschaft verwurzelter „breiter linker“ Zusammenschlüsse von entscheidender Bedeutung, um den pro-kapitalistischen rechten Flügel herauszufordern, mit dem Ziel, ihn durch eine kämpferische Führung zu ersetzen. Unsere Mitglieder und Unterstützer*innen stellen sich regelmäßig zur Wahl als Vertrauensleute, Zweigstellenfunktionäre und gegebenenfalls für nationale Funktionen zum Durchschnittslohn von Facharbeiter*innen. Die geschickte Nutzung dieser Plattformen kann dazu beitragen, den Arbeiter*innen Selbstvertrauen zu geben und ihr Verständnis für die Aufgaben zu erhöhen, vor denen die Arbeiter*innenklasse im Kampf gegen die Arbeitgeber*innen und die vom Profitsystem ausgehenden Angriffe steht. Die revolutionäre Partei muss, um es mit den Worten Trotzkis zu sagen, „wissen, wie man richtige Beziehungen zur Klasse herstellt“. Die Arbeit in den Gewerkschaften ist für die Erfüllung dieser Aufgabe unerlässlich.

Infolgedessen erlangten Teile des CWI unschätzbare Positionen in der Arbeiter*innenbewegung; Einflusspositionen, die sich als entscheidend erwiesen haben, wenn sie als Hebel zur Förderung der Interessen der Arbeiter*innenklasse eingesetzt wurden. Dazu gehören die Rolle, die CWI-Anhänger*innen beim erfolgreichen Glasgower Streik für Lohngleichheit 2018 gespielt haben, der Kampf in der Ölraffinerie von Lindsay im Jahr 2009 und die jahrzehntelange Arbeit in der Nipsa (Northern Ireland Public Services Alliance), der größten Gewerkschaft in Nordirland.

Ein wichtiges Beispiel dafür, was eine relativ kleine Gruppe mit einem klaren Programm und einer Basis in der Arbeiter*innenklasse erreichen kann, war 1984 in Liverpool: Militant stand an der Spitze einer Massenbewegung der Arbeiter*innenklasse der Stadt, die vom sozialistischen Rat angeführt wurde. Dieser Kampf umfasste einen de facto stadtweiten eintägigen Generalstreik und Massendemonstrationen, die der Regierung von Margaret Thatcher Niederlagen zufügten. Wir haben uns zwar immer auf die Arbeiter*innenklasse gestützt, aber wir hatten nie den Fetisch, dass Bewegungen über die Gewerkschaften laufen müssen. Einige Jahre nach Liverpool brach die Anti-Polltax-Kampagne aus, wiederum angeführt von Militant. Die massenhafte Verweigerung der Zahlung der Steuer wurde größtenteils auf kommunaler Ebene und nicht über die Gewerkschaften organisiert, da deren Führer*innen sich weigerten, etwas „Illegales“ zu unterstützen. Dennoch kämpften Militant-Anhänger*innen dafür, die Gewerkschaften in den Kampf einzubeziehen, der schließlich zum Rücktritt Thatchers und zur Abschaffung der Kopfsteuer führte.

Die Public and Commercial Services Union (PCS, früher CPSA), die größte Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes in Großbritannien, ist auch eine Gewerkschaft, in der die Socialist Party eine lange Geschichte hat. Bei der Arbeit in dieser Gewerkschaft hat sich unter unserem Einfluss eine bedeutende Organisation, Left Unity, entwickelt. Es gelang ihr, die verkommene rechte Führung der CPSA abzusetzen. Die PCS hatte lange Zeit eine linke Führung, in der die Mitglieder der Socialist Party einen großen Einfluss hatten. Die Gewerkschaft galt weithin als eine der kämpferischsten und war führend bei Streiks und Arbeitskampfmaßnahmen zur Verteidigung ihrer Mitglieder. Außerdem setzte sie sich – auch auf der Ebene des britischen Gewerkschaftsbundes TUC – für koordinierte Arbeitskampfmaßnahmen in der gesamten Gewerkschaftsbewegung gegen die Sparpolitik und die Offensive der Bosse ein.

Unter dem Einfluss der Rückschläge nach der Niederlage im Rentenkampf 2011, der verzögerten Herausbildung eines sozialistischen Bewusstseins im Zusammenhang mit der Zurückhaltung der Arbeiter*innenbewegung durch die Gewerkschaftsführung nach der Finanzkrise 2008 sowie dem Verlust von Gewerkschaftsmitgliedern aufgrund von Regierungskürzungen kam es jedoch zu einem Rechtsruck einer Gruppierung um den PCS-Generalsekretär Mark Serwotka.

Im Jahr 2018 verlangte Mark Serwotka, dass ein Mitglied der Sozialistischen Partei, das damals stellvertretender Generalsekretär war, sich nicht zur Wiederwahl stellen sollte. Wir haben uns geweigert, diesem inakzeptablen Diktat zu folgen. Infolge des Vorgehens von Serwotka – der von einer kleinen Zahl ehemaliger Mitglieder der Socialist Party und der SWP unterstützt wurde – kam es zu einer Spaltung der Left Unity, die zu einem Vehikel für die Mobilisierung von Unterstützung für die PCS-Führung geworden war. Eine neue, demokratische breite Linke wurde gebildet, um die PCS zu ihren kämpferischen Traditionen zurückzuführen. Während der Covid-19-Pandemie versuchte die Serwotka-Führungsclique, die Verhandlungsforderungen der PCS-Mitglieder vor dem Hintergrund der Forderungen nach nationaler Einheit zu „parken“.

Diejenigen ehemaligen Mitglieder der Socialist Party, die mit uns gebrochen hatten, um die nach rechts gegangene PCS-Führung zu unterstützen, in deren Gesellschaft sie sich wohler fühlten als bei der Verteidigung der prinzipiellen politischen Linie einer revolutionären Partei, waren dem Opportunismus erlegen. Trotzkis Worte aus dem Jahr 1931 sind in diesem Zusammenhang treffend: „Eine der psychologischen Quellen des Opportunismus ist eine oberflächliche Ungeduld, ein Mangel an Vertrauen in das allmähliche Wachstum des Einflusses der Partei, der Wunsch, die Massen durch organisatorische Manöver oder persönliche Diplomatie zu gewinnen. Daraus ergibt sich die Politik der Mauscheleien hinter den Kulissen, die Politik des Schweigens, des Vertuschens, der Selbstverleugnung, der Anpassung an die Ideen und Losungen der anderen und schließlich der völlige Übergang zu den Positionen des Opportunismus.“

Trotzki betonte immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Kommunist*innen bei ihrer Arbeit in den Gewerkschaften unter der Disziplin der revolutionären Partei handeln. „Während die Gewerkschaften nicht der Partei untergeordnet, sondern völlig autonome Organisationen sind, können die Kommunist*innen in den Gewerkschaften andererseits keine Autonomie in ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit vorgeben, sondern müssen als Übermittler des Programms und der Taktik ihrer Partei handeln.“

Ende 2018 und 2019 kam es in den Reihen des CWI zu einer scharfen Debatte. Diejenigen, die die Methoden und Traditionen des CWI ablehnten, beklagten sich über die Leere der Gewerkschaftsstrukturen und den bürokratischen Charakter der Gewerkschaftsführer*innen. Viele dieser Oppositionellen hatten die konsequente Gewerkschaftsarbeit und die Aktivitäten am Arbeitsplatz schon lange vor dem Beginn des Fraktionskampfes Ende 2018 aufgegeben. Die CWI-Führung erkannte zwar an, dass der bürokratische Charakter der Gewerkschaften ein realer Faktor ist, den es zu berücksichtigen gilt, verteidigte aber den grundlegenden Ansatz des Marxismus, eine allgemeine Ausrichtung auf die Massenorganisationen der Arbeiter*innenklasse beizubehalten und Unterstützung in den Betrieben aufzubauen.

Trotzki hatte einen Rat für diejenigen, die sich über die Schwierigkeit der Arbeit beklagten, Einfluss in den Gewerkschaften zu erlangen. Hier schrieb er über die Tätigkeit in Gewerkschaften mit wenig oder gar keiner Demokratie, die unter faschistischen Regimen oder in Ländern mit brutaler stalinistischer Unterdrückung arbeiten: „Wir können uns die Arena und die Bedingungen für unsere Tätigkeit nicht nach unseren eigenen Vorlieben und Abneigungen aussuchen … Wir müssen uns an die konkreten Bedingungen in den Gewerkschaften eines jeden Landes anpassen, um die Massen nicht nur gegen die Bourgeoisie zu mobilisieren, sondern auch gegen das totalitäre Regime in den Gewerkschaften selbst und gegen die Führer*innen, die dieses Regime durchsetzen. Die wichtigste Losung für diesen Kampf lautet: vollständige und bedingungslose Unabhängigkeit der Gewerkschaften gegenüber dem kapitalistischen Staat. Das bedeutet einen Kampf, um die Gewerkschaften zu Organen der breiten ausgebeuteten Massen zu machen und nicht zu Organen einer Arbeiter*innenaristokratie.“

Für Trotzki musste der Weg zur Gewinnung der Arbeiter*innenklasse für den revolutionären Sozialismus über eine sorgfältige und konsequente Arbeit in den Betrieben und Gewerkschaften führen. In der Frage, welche Taktiken zur Erreichung dieses Ziels eingesetzt werden konnten und sollten, war er unendlich flexibel.

In den 1920er Jahren, nach dem Abklingen der revolutionären Welle, die auf die russische Revolution folgte, schrieb und diskutierte Trotzki ausgiebig über die Aufgaben, vor denen die Kommunistische Internationale und ihre Sektionen standen. In den allermeisten Fällen waren die jungen kommunistischen Parteien in der Arbeiter*innenklasse eine Minderheit, wenn auch in einigen Ländern eine sehr bedeutende Minderheit. Die Hauptaufgabe, so argumentierten Lenin und Trotzki, bestand darin, für einen mehrheitlichen Einfluss auf die Arbeiter*innenklasse zu kämpfen, indem man die Methode der Einheitsfront anwandte, auch im Bereich der Gewerkschaften, und an die von den sozialdemokratischen Parteien beeinflussten einfachen Arbeiter*innen zu appellieren.

Trotzki schrieb 1922 über die Einheitsfront für eine Kommission der Kommunistischen Internationale bezüglich der Arbeit der Französischen Kommunistischen Partei Folgendes: „Wenn wir in der Lage wären, die arbeitenden Massen einfach um unsere eigene Fahne oder um unsere unmittelbaren praktischen Losungen zu vereinen und reformistische Organisationen, ob Partei oder Gewerkschaft, zu überspringen, wäre das natürlich die beste Sache der Welt. Aber dann gäbe es die Frage der Einheitsfront in ihrer jetzigen Form nicht. Daraus ergibt sich die Frage, dass einige sehr wichtige Teile der Arbeiter*innenklasse reformistischen Organisationen angehören oder sie unterstützen. Ihre jetzigen Erfahrungen reichen noch nicht aus, um sie zu befähigen, mit den reformistischen Organisationen zu brechen und sich uns anzuschließen. Vielleicht wird sich gerade durch die Massenaktivitäten, die an der Tagesordnung sind, eine große Veränderung in diesem Zusammenhang vollziehen. Das ist genau das, was wir anstreben. Aber so sieht es im Moment nicht aus.“

Die Einheitsfronttaktik beinhaltete, dass Marxist*innen gemeinsame Aktionen mit den reformistisch geführten Massenorganisationen, einschließlich der Gewerkschaften, vorschlugen. Im Falle Frankreichs in den 1920er Jahren setzte sich Trotzki für eine einheitliche Aktion der Gewerkschaftsorganisationen ein, die zwischen reformistischen, kommunistischen und syndikalistisch geführten Gewerkschaften aufgeteilt waren, wobei die Kommunist*innen immer noch eine Minderheitsposition einnahmen. Dazu gehörten Vorschläge für gemeinsame Streiks, Demonstrationen und andere Massenaktionen. Gleichzeitig war es von entscheidender Bedeutung, dass die Kommunist*innen diese Vorschläge für Einheitsfrontaktivitäten nutzten, um den Massen ihr eigenes, unabhängiges Programm vorzustellen, während sie gleichzeitig Einheit in der Aktion vorschlugen. Dies würde in der Praxis die Überlegenheit ihres Programms gegenüber dem der Reformist*innen, Zentrist*innen (diejenigen, die zwischen revolutionärer Politik und Reformismus schwanken) und Syndikalist*innen (diejenigen, die die Gewerkschaften allein, ohne die Notwendigkeit einer revolutionären Partei, die Hauptrolle bei der Veränderung der Gesellschaft spielen sehen) zeigen. In ähnlicher Weise tritt das CWI heute für einheitliche und koordinierte Streiks der Gewerkschaften und Massenorganisationen der Arbeitnehmer*innen ein.

In einigen Ländern, in denen noch keine Massenparteien existieren, ruft das CWI die Gewerkschaften dazu auf, eine zentrale Rolle bei der Gründung neuer linker Parteien zu spielen, wenn es um die Bildung neuer Massenparteien geht. Diese Forderungen sind eine Fortsetzung der Einheitsfronttaktik, bei der wir Marxist*innen versuchen, unseren Einfluss, unsere Ideen und Slogans zu erweitern und die Kampfkraft der Arbeiter*innenklasse als Ganzes zu stärken. Gleichzeitig wartet das CWI jedoch nicht darauf, dass die Gewerkschaften handeln, bevor es Schritte zum Aufbau solcher Parteien unternimmt, wo dies möglich ist.

In Großbritannien ist das National Shop Stewards Network (NSSN), in dem Hunderte von Vertrauensleuten aus vielen Gewerkschaften zusammengeschlossen sind, ein weiteres Beispiel für Einheitsfrontaktivitäten. Gleiches gilt für die breiten linken und gewerkschaftlichen Plattformen, an denen CWI-Mitglieder beteiligt sind und die sie international mit initiiert haben. Gleichzeitig folgen wir dem von Trotzki skizzierten Ansatz, wenn wir uns an einer solchen Arbeit und an breiteren Formationen, einschließlich zukünftiger Massenarbeiter*innenparteien, beteiligen: „Jede Art von organisatorischer Vereinbarung, die unsere Freiheit der Kritik und Agitation einschränkt, ist für uns absolut inakzeptabel. Wir beteiligen uns an einer Einheitsfront, aber wir lösen uns nicht einen einzigen Moment darin auf. Wir funktionieren in der Einheitsfront als eine unabhängige Abteilung. Gerade im Laufe des Kampfes müssen die breiten Massen aus der Erfahrung lernen, dass wir besser kämpfen als die anderen, dass wir klarer sehen als die anderen, dass wir kühner und entschlossener sind. Auf diese Weise werden wir die Stunde der revolutionären Einheitsfront unter der unbestrittenen kommunistischen Führung näher bringen.“ (Über die Einheitsfront, 1922)

Einige Fragen können im Verlauf der Ereignisse scharf gestellt werden und die Gewerkschaftsführer*innen dazu zwingen, Kämpfen zuzustimmen. In diesem Prozess können auch neue Führer*innen auftauchen. Für Marxist*innen stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit solchen Bewegungen um, die sich nach „links“ bewegen, aber kein revolutionäres Programm annehmen?

Ein schwerer Fehler in dieser Frage wurde 1926 von der Kommunistischen Partei in Großbritannien begangen und wurde zu einer wichtigen Debatte in der kommunistischen Dritten Internationale. 1925 beschloss der TUC, in dem die meisten Gewerkschaften vertreten waren, angesichts der Radikalisierung der Arbeiter*innen und ihrer Unterstützung für die russische Revolution, einen gemeinsamen Ausschuss mit den russischen Gewerkschaften zu bilden. Während einige linke Gewerkschaftsführer*innen Sowjetrussland gegenüber freundlich gesinnt waren, wollten die rechten Führer*innen den gemeinsamen Ausschuss als Deckmantel für ihre Aktionen nutzen. Unter dem Einfluss von Josef Stalin und Nikolaj Bucharin, einem führenden Mitglied der Bolschewiki, wurde die Kommunistische Partei in Großbritannien bald dazu verleitet, diesen Block um jeden Preis zu verteidigen. Das Ergebnis war, dass die Kommunistische Partei weder ausreichend im Voraus gewarnt, noch das Vorgehen des TUC und der linken Gewerkschaftsführer*innen angemessen kritisiert hat, die vor der Bourgeoisie kapitulierten und den historischen Generalstreik von 1926 abbrachen, als die Unterstützung für diesen Streik noch zunahm.

Die Minderheitenbewegung – eine breite linke Gruppierung innerhalb der Gewerkschaften, die damals etwa eine Million Arbeitnehmer*innen beeinflusste – hatte das Potenzial, während des Generalstreiks als echte Linke aufzutreten. Sie wurde von linken, aber immer noch reformistischen Gewerkschaftsführer*innen angeführt. Die britische Kommunistische Partei hätte den Arbeiter*innen in der Minderheitenbewegung ihr eigenes klares Programm vorlegen müssen. Wie Trotzki erklärte: „Die Vereinbarungen zwischen den Kommunist*innen und den ‚Linken‘ (Purcell, Hicks, Cook) auf der Grundlage der Teilaufgaben der Gewerkschaftsbewegung waren natürlich durchaus möglich und in bestimmten Fällen unerlässlich. Aber unter einer Bedingung: Die Kommunistische Partei musste ihre völlige Unabhängigkeit auch innerhalb der Gewerkschaften bewahren, in allen Grundsatzfragen in eigenem Namen handeln, ihre ‚linken‘ Verbündeten kritisieren, wann immer es nötig war, und auf diese Weise Schritt für Schritt das Vertrauen der Massen gewinnen.“

Dies wurde nicht getan. Die Linksreformisten – der TUC-Vorsitzende Alf Purcell, der Bauarbeiter*innenführer George Hicks und der Bergarbeiter*innenführer Arthur Cook und andere – verrieten die Arbeiter*innen und infolgedessen brach die Minderheitenbewegung bald zusammen. Obwohl die Kommunistische Partei in Großbritannien immer noch an Größe und Einfluss zunahm, gelang es ihr nicht, ihren Einfluss erheblich auszuweiten, da sie sich nicht ausreichend von der Gewerkschaftsführung, die den Generalstreik verraten hatte, abgegrenzt hatte.

Trotzki kommentierte: „Wir wollen keineswegs mit der Minderheitenbewegung brechen. Im Gegenteil, wir müssen dieser Bewegung die größte Aufmerksamkeit schenken. Der kleinste Schritt vorwärts mit den Massen oder einem Teil der Massen ist mehr wert als ein Dutzend abstrakter Programme von Intellektuellenkreisen, aber die Aufmerksamkeit, die den Massen gewidmet wird, hat nichts mit der Kapitulation vor ihren zeitweiligen Führern und Halbführern gemein. Die Massen brauchen eine richtige Orientierung und richtige Losungen.“

Wieder und wieder betonte Trotzki die kritische Frage der Gewerkschaften. Im Jahr 1931 griff er die Fehler eines Teils der französischen Linken Opposition auf. Er warf der Kommunistischen Liga vor, „die unabhängige Arbeit in den Gewerkschaften aufzugeben“ und in eine breite, reformistische Gewerkschaftsfront abzutauchen – in Anlehnung an die britische Kommunistische Partei und deren Umgang mit der Minderheitenbewegung.

Flexibilität

Trotzki rief seine Anhänger*innen immer wieder dazu auf, sich ernsthaft auf die Arbeitsplätze und auf die organisierten Arbeiter*innen, insbesondere in den Gewerkschaften, zu orientieren. Doch Trotzki hatte keinen Fetisch für Organisationsformen. Auch ignorierte er nicht den reformistischen und konterrevolutionären Charakter vieler Gewerkschaftsführer*innen. Die Spitzen der Gewerkschaften in Großbritannien und anderen Ländern waren so sehr mit dem bürgerlichen Staat verschmolzen, dass Trotzki warnte: „Sollte der Kommunismus zu einer entscheidenden Kraft werden und die Generalräte [des TUC] mit dem Verlust von Posten, Ehren und Einkommen bedrohen, würden die Herren Citrine [Generalsekretär des TUC] und Co. zweifellos einen Block mit Mosley [britischer Faschistenführer] und Co. gegen die Kommunist*innen bilden. So schlugen im August 1917 die russischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre zusammen mit den Bolschewiki General Kornilow zurück. Zwei Monate später, im Oktober, kämpften sie Hand in Hand mit den Kornilowisten gegen die Bolschewiki.“

Unter bestimmten Umständen wäre es für Marxist*innen richtig, neue Gewerkschaften zu gründen, um hoffnungslos undemokratische und bürokratische Gewerkschaften zu ersetzen, oder neue Gewerkschaften aufzubauen, wo es sie noch nicht gibt. In Frankreich schloss die Führung des wichtigsten Gewerkschaftsbundes, der CGT, nach dem Ersten Weltkrieg die Mehrheit ihrer Mitglieder aus, um die Übernahme der Macht durch ein Bündnis von Kommunist*innen und revolutionären Syndikalist*innen zu verhindern, was dazu führte, dass die ausgeschlossenen Gewerkschaften 1922 die CGTU gründeten.

Die Aufgabe, neue Gewerkschaften zu gründen, stellt sich heute vor allem in den neokolonialen Ländern sowie in den Staaten der Sowjetunion und den anderen ehemaligen stalinistischen Staaten Osteuropas. In diesen Teilen der Welt müssen die Arbeitnehmer*innen in erster Linie wirklich unabhängige und kämpferische Gewerkschaften gründen.

Mit einem allseitigen, dialektischen Ansatz schrieb Trotzki: „Die Sektionen der Vierten Internationale sollten immer danach streben, die oberste Führung der Gewerkschaften zu erneuern, kühn und entschlossen … aber auch in allen möglichen Fällen unabhängige kämpferische Organisationen zu schaffen, die den Aufgaben des Massenkampfes besser entsprechen … wenn nötig, nicht einmal vor einem direkten Bruch mit dem konservativen Apparat der Gewerkschaften zurückschrecken … Gewerkschaften sind kein Selbstzweck; sie sind nur Mittel auf dem Weg zur proletarischen Revolution.“

Trotzki vertrat die Ansicht, dass in einer stürmischen Periode, wie sie die Welt jetzt erlebt, „die Arbeiter*innenbewegung keinen systematischen und ausgewogenen, sondern einen fieberhaften und explosiven Charakter hat. Sowohl Parolen als auch Organisationsformen sollten den Indizes der Bewegung untergeordnet werden. Auf der Hut vor einer routinemäßigen Behandlung einer Situation wie bei einer Seuche sollte die Führung sensibel auf die Initiative der Massen reagieren.“ (Das Übergangsprogramm, 1938) In diesem Zusammenhang kann die Entwicklung neuer Formen der betrieblichen Organisation, wie Fabrik-, Aktions- oder Streikkomitees, zum „kämpferischen Personal“ für den Kampf werden. Diese können „formell mit dem üblichen Organ der Gewerkschaft zusammenfallen, werden aber ihr Personal erneuern und ihre Funktionen erweitern“. Sie können auch dort eingerichtet werden, wo es keine Gewerkschaften gibt oder die Mitgliederzahl begrenzt ist.

In vielen Ländern organisieren die Gewerkschaften nur eine Minderheit der arbeitenden Bevölkerung. In den USA und Frankreich zum Beispiel sind vielleicht 10 % gewerkschaftlich organisiert. In der neokolonialen Welt können es sogar noch weniger sein. Sehr oft ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor, im Verkehrswesen und bei den Vollzeitbeschäftigten am höchsten. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, die Gewerkschaften nach links zu drängen und die nicht organisierten Arbeitnehmer*innen, insbesondere die Jugendlichen, durch eine kämpferische Politik zu gewinnen.

Die am meisten Unterdrückten werden, wie Trotzki betonte, „während einer Periode außergewöhnlicher Aufschwünge“ in die Arbeiter*innenbewegung gezogen. Dazu können Gelegenheitsarbeiter*innen, Arbeitslose und Einzelkaufleute gehören. Er schrieb: „In solchen Zeiten ist es notwendig, ad hoc Organisationen zu schaffen, die die gesamte kämpfende Masse umfassen: Streikkomitees, Fabrikkomitees und schließlich Sowjets.“ Dazu können auch neue Gewerkschaften und kommunale Organisationen gehören, die aus dem Nichts entstehen, sich aber in einer Periode des Kampfes ausweiten. Genau das war in Chile während der revolutionären Jahre 1970-73 der Fall. Die Arbeiter*innen bildeten neue Organisationen wie die Cordones Industriales, um die Revolution voranzutreiben.

Während seiner gesamten revolutionären Tätigkeit leistete Trotzki weiterhin entscheidende Beiträge zur Gewerkschaftspolitik und -ausrichtung. Solche Ratschläge waren für die kleine revolutionäre Minderheit, die bereit war, sich gegen Stalinismus, Faschismus und Reformismus zu stellen und die Politik des Bolschewismus fortzusetzen, vor allem in den 1930er Jahren unerlässlich. Trotzkis Schriften waren nicht nur eine große Hilfe für die damals aktiven Trotzkist*innen, sondern sind auch bemerkenswert „modern“.

Wir leben in einer noch nie dagewesenen kapitalistischen Krise. Eine Periode der Revolution und Konterrevolution, die einige Merkmale der 1930er Jahre aufweist, hat begonnen. Intensive Klassenkonflikte sind unvermeidlich und könnten die Kämpfe der Zwischenkriegszeit erreichen oder sogar übertreffen. Sicher ist, dass sich die Möglichkeiten zum Aufbau mächtiger revolutionärer Organisationen mit tiefer Verwurzelung in der Arbeiter*innenklasse bieten werden. Das sozialistische Bewusstsein wird sich stärken und zu einer Massenkraft werden. Indem wir uns vor allem auf das Erbe Trotzkis und die wesentliche Aufgabe stützen, die Arbeiter*innenklasse – zunächst ihre fortgeschrittensten Schichten – zu erreichen, können der Marxismus und die Arbeiter*innenklasse das notwendige Instrument zur Beseitigung des Kapitalismus und zum Aufbau einer sozialistischen Zukunft schaffen.