Von Sonja Grusch, SO/CWI-Österreich
Die Welt brennt (teilweise im wörtlichen Sinn!) und das herrschende kapitalistische System (wirtschaftlich, politisch, sozial) steckt seit längerem in einer systemischen Krise. Und das tut “die Linke” auch. Zwar gibt es linke Wahlerfolge (in Österreich auf kommunaler und Landesebene, in Deutschland auch auf Bundesebene) und auch Massenbewegungen, doch eine starke, organisierte sozialistische Kraft, die die Herrschenden vor sich hertreibt und echte Verbesserungen erreicht und den Kampf um eine andere Gesellschaft führt (und in der Lage ist diesen auch zu gewinnen), fehlt. Dieser Widerspruch wurzelt nicht zuletzt in der ideologischen Ausrichtung der verschiedenen linken Organisationen und Trends und den daraus resultierenden Stärken und Schwächen.
Materialismus vs. Idealismus
Die Debatten über das “wie etwas erreichen” sind so alt, wie der Wunsch nach Veränderung. Wer den Film “Der junge Marx” gesehen hat, kennt die Szenen, wo Vertreter*innen verschiedener Strömungen über Strategie und Taktik diskutieren – und fühlt sich an diverse Bündnistreffen und Plenas heute erinnert. Das liegt nicht nur daran, dass ein heute geschriebenes Drehbuch von heutigen Erfahrungen geprägt ist, sondern dass die zentralen Fragen damals nicht so anders waren als heute. Schon Marx und Engels entwickelten die Ideen von Feuerbach und Hegel mit der Verbindung von Dialektik und Materialismus weiter und brachten sie auf eine neue Stufe. Die Leistung des Kommunistischen Manifestes ist nicht nur, eine großartige Propagandaschrift zu sein, sondern den Idealismus hinter sich zu lassen und die materialistische Dialektik zum zentralen Instrument zu machen. Also die Fragen “Warum sind Zustände, wie sie sind” und “Wie können sie verändert werden” ins Zentrum zu rücken. In ihrer Kritik des “Gothaer Programms” der deutschen Sozialdemokratie 1875 oder im “Anti-Dührung” 1877 geht es um ähnliche Fragen. Nämlich um das, was Marx und Engels 1845 in der “Deutschen Ideologie” folgendermaßen beschrieben: “Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche herrschende Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.” So das korrekte Zitat, das meist mit “Die herrschende Ideologie ist die Ideologie der herrschenden Klasse” wiedergegeben wird.
Im umgangssprachlichen Sinn sind wohl alle Linken “Idealist*innen“, da wir viel Zeit, Energie (und Geld) in den Kampf um eine bessere Welt stecken. Doch leider sind viele Linke auch im philosophisch-wissenschaftlichen Sinn Idealist*innen und sehen den Kern der Veränderung im Individuum. Im Gegensatz dazu steht eine materialistische Auffassung (nicht im umgangssprachlichen Sinn wo einE Materialist*in jemand ist, der/die nur Interesse an Materiellem, Geld, Reichtum etc hat). Die kürzeste Formel für Materialismus hat wohl Bertolt Brecht 1928 in der „Dreigroschenoper“ formuliert: “Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Bei Marx klingt das bereits 1859 in der “Kritik der politischen Ökonomie” folgendermaßen: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“
Auch Lenin sah sich genötigt 1908 in “Materialismus und Empiriokritizismus” ähnliche Fragen aufzugreifen wie viele Revolutionär*innen und Marxist*innen vor (und nach) ihm, da in seiner eigenen Partei der Idealismus um sich griff. Im Kern geht es um die Frage: Müssen sich die Menschen ändern, um die Gesellschaft zu verändern oder müssen wir die Gesellschaft verändern, damit die Menschen wirklich “menschlich” werden können. Je stärker Linke das Hauptaugenmerk auf Ersteres legen, umso weniger sind sie eine Gefahr für das herrschende System.
Die Postmoderne wird zum Turbo für Idealismus
Als eine der Speerspitzen des Neoliberalismus, Margaret Thatcher, 1987 in einem Interview erklärte: “So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht“ fasste das die ideologische Offensive des Kapitals zusammen: Rückzug des Staates aus der Wirtschaft und Rückbau der Sozialstaaten, wo es solche gab und die Unterordnung ganzer Staaten unter betriebswirtschaftliche Logik. Nach Perioden der staatlichen Intervention in die Wirtschaft (im Zuge der Weltwirtschaftskrise der 1930er, dann in der Kriegswirtschaft und später in der Nachkriegsperiode) hoffte man, mit einer neuen Wirtschaftspolitik der tiefen Wirtschaftskrise Herr zu werden. Die Ideologie folgte der Wirtschaft. Beginnend mit bürgerlichen Ideolog*innen wurde die Verantwortung für die Ursachen der Probleme und die Probleme selbst aufs Individuum gelenkt. Immer weniger wurden gesellschaftliche Ursachen analysiert, in denen Probleme wurzelten, sondern immer mehr individuelle. Der Versuch, Alkoholismus und Drogenmissbrauch als genetisch erzeugtes Problem zu “entdecken” ist nur ein Beispiel für unzählige. Bis aber ideologische Veränderungen im Mainstream gelandet sind, dauerte es – ein entscheidender Einschnitt war der Zusammenbruch des Stalinismus der dem ganzen Prozess einen Turbo versetzte. In den 1960er, 70er und auch noch 80er Jahren gelangte eine Generation von linken Akademiker*innen, die mit Marxismus politisiert worden waren, in Jobs v.a. in Medien und Universitäten sowie in anderen Bereichen des Bildungswesen. Das Verständnis, dass “die Gesellschaft” Verantwortung trägt, war tief verankert. Befeuert wurde sie durch die Schwäche der Arbeiter*innenbewegung die sich nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in der Defensive befand. “Die Arbeiter*innenklasse” als revolutionäres Subjekt, also jene Kraft in der Gesellschaft, die die Notwendigkeit und die Möglichkeit für eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft hat, lieferte scheinbar einfach nicht. Sie stand nicht im Zentrum der sich intensivierenden Frauen- bzw. Umweltbewegung und war selbst bei direkten Angriffen auf soziale und betriebliche Rechte zu immer weniger Widerstand fähig. Ursache dafür war nicht, dass die Arbeiter*innenklasse dazu grundsätzlich nicht (mehr) in der Lage wäre, sondern eben jene idealistisch-reformistische Ausrichtung ihrer Führungen. Die Sozialdemokratie war zunehmend verbürgerlicht und stellte die wirtschaftlichen “Notwendigkeiten” über die die Bedürfnisse der Arbeiter*innenklasse und die Gewerkschaftsführungen agierten in Folge als Bremse von Kämpfen.
Gleichzeitig wuchsen Ungerechtigkeit, Rassismus und Sexismus und wurden ergänzt durch die sich zuspitzende Klimakrise. Menschen waren also sehr unmittelbar betroffen. Je unmittelbarer eine Bedrohung ist, desto größer ist auch der Druck nach unmittelbaren “Lösungen” und umso schwerer fällt es, auf umfassendere Lösungen zu setzen, die länger brauchen. Viele Aktivist*innen wollten endlich Erfolge sehen und nicht mehr auf später, nach der Revolution, warten. Also engagierte man sich unmittelbar, oft lokal, in Initiativen. Ein wichtiges Engagement, das viele Menschen politisiert hat – und doch in einer NGO-mässigen Handwerkelei hängen bleibt, wenn der Blick aufs Ganze fehlt. Die Zunahme von NGOs seit den 1980er Jahren war die eine Entwicklung. Die NGO-isierung existierender linker Organisationen ist die andere, jüngere, Entwicklung. Stadtteilarbeit (für Verkehrsberuhigung, Begrünung etc.), Lernhilfe (die die Lücken im öffentlichen Bildungswesen schließen helfen soll), Mieter*innenberatung und andere Formen politischer Arbeit, die starke Elemente von Sozialarbeit haben, prägen heute zahlreiche linke Organisationen. Man erhofft sich so mehr Kontakt zu “normalen” Menschen und so den Aufbau einer Verankerung. Es ist allerdings weniger eine Verankerung als Bündnispartner im Kampf mit dem Fokus auf Selbstorganisierung, sondern mehr eine Fortsetzung der gewerkschaftlichen Stellvertretungspolitik und droht in der Praxis die Sichtweise auf die größeren Zusammenhänge in der Dichte der Arbeit zu verlieren.
Der Idealismus des 21. Jahrhundert ist die Identitätspolitik
Wir leben in Zeiten multipler Krisen. Immer mehr setzen auf “News-Detox”. Früher nannte man das „Vogel Strauß-Taktik“: ignorieren was in der Welt geschieht, weil es einfach “too much” ist. Krieg, Wirtschaftskrise, Klimakrise, zunehmende Gewalt … All das (und noch viel mehr) macht Angst. Hier wurzelt auch die Zunahme psychischer Probleme. Aber: Psychische Probleme auch als Massenphänomen sind nichts grundsätzlich Neues, doch wird zu diesen Fragen heute mehr geforscht und kann man heute darüber reden, ohne gleich als “verrückt” ins Eck gestellt zu werden. Es wäre naiv, die massiven psychischen Probleme, die die Opfer des Holocausts, von Kriegen oder Genoziden haben, zu übersehen – oder jene der Opfer der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, als Hunger und Elend auch in den reichsten Ländern einen Großteil der Bevölkerung betrafen. Menschen, die das Leben, wie es im Kapitalismus eben ist – mit Druck, Stress, Ungerechtigkeiten, Überforderung und Perspektivlosigkeit – mehr als verständlicherweise nicht aushalten, hat und wird es geben, solange es dieses System gibt.
All das soll Angst und Perspektivlosigkeit, die viele Menschen heute haben, nicht kleinreden, sondern deren systemische Ursache und deren “Normalität” im Rahmen des kapitalistischen Wahnsinns aufzeigen. Wenn Menschen über Stress klagen, dann ist die scheinbare “Lösung” die eigene “Resilienz” – also die Widerstandskraft gegen den Stress – zu erhöhen. Also eine individuelle Lösung. Wer Angst vor dem hat, was sich in der Welt tut, versucht sich mittels “Achtsamkeit” auf “das Wesentliche”, nämlich sich selbst, zu konzentrieren. Man selbst wird zum Nabel der Welt, los getrennt von der Außenwelt und alles andere wird zweitrangig. Selbst Psycholog*innen warnen inzwischen vor den Folgen der “Achtsamkeitswelle”, die – messbar – dazu führt, dass Menschen sich weniger für andere Menschen interessieren und Ungerechtigkeiten eher hinnehmen. Ein Mehr an Unterstützung von Menschen mit psychischen Problemen ist nötig und muss erkämpft werden – doch bleibt es Symptombekämpfung, wenn nicht gleichzeitig die Ursachen angegriffen werden.
Es ist gut, wenn Menschen sich ihrer Bedürfnisse bewusst sind/werden und diese auch einfordern. Doch das muss scheitern, wenn diese Bedürfnisse tatsächlich als individuelle, von anderen getrennt betrachtet werden. Nicht nur, weil wir alle Teil einer Gesellschaft sind, also in einer ständigen und nicht immer harmonischen Wechselwirkung mit anderen Menschen stehen, die vielleicht gerade andere Bedürfnisse haben, sondern auch, weil wir Teil einer Klassengesellschaft sind, die auf Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrheit der Bevölkerung basiert. Die Aufgabe sozialistischer Organisationen ist es, bei der persönlichen Betroffenheit anzusetzen – und diese in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung zu verorten. Daraus müssen sich dann auch die Forderungen und Ziele, die Kampfmethoden und der Organisationsaufbau ergeben.
Der Idealismus in seinen diversen Formen setzt bei der persönlichen Betroffenheit an – das ist nicht falsch, wird aber falsch, wenn man letztlich dabei stehen bleibt. “Lieber der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach” ist das Motto reformistischer Linker. Also lieber einen Minierfolg abfeiern, als das Risiko einzugehen, mit einem härteren und längeren Kampf um ein größeres Ziel vielleicht zu verlieren. Weil es nie eine Garantie auf Erfolg gibt, weil (Klassen)kämpfen ressourcenraubend und gefährlich ist und weil die Gegner*innen so viel mächtiger scheinen, klingen diese bremsenden Argumente der Reformist*innen durchaus plausibel. Das ist auch Ausdruck dessen, dass die Gewerkschaftsführungen diese Kämpfe nur sehr zögerlich organisieren. Wann immer sie zu Kämpfen mobilisiert, wird dies auch angenommen und das bringt kollektive Kampfmethoden der Arbeiter*innenklasse stärker ins Bewusstsein. Unterm Strich allerdings funktioniert die Taktik nicht, wird sie doch auch von den Gegner*innen rasch verstanden und damit die Linke harmlos.
Ein richtiges Leben im falschen System? Bestenfalls ein Minderheitenprogramm!
Linke Kräfte sind weltweit in der Krise. Die erfreulichen Wahlerfolge verschiedener linker Organisationen, zunehmenden Klassenkämpfe und beginnenden Entwicklungen in Richtung neue Arbeiter*innenparteien können nicht darüber hinwegtäuschen, dass aktuell – noch – die extreme Rechte die politische Landschaft dominiert. Die Frage, welche Linke es braucht, ist daher von großer Bedeutung.
Ein wesentlicher Teil linker Organisationen stellt die Form vor den Inhalt und versucht, ein richtiges Leben im falschen System zu führen und zu erreichen. Menschen, die sich in Arbeitskämpfen und Streiks politisieren, verstehen instinktiv die objektive Notwendigkeit sich zu organisieren, selbst wenn man mit dem Überleben beschäftigt ist und wenig Zeit hat. Sie sind weniger bereit ihre Zeit in endlosen Plenas zu versitzen, aber sind durchaus bereit, Opfer zu bringen, um den Kapitalismus zu stürzen. Dass die Arbeiter*innenklasse erst wieder beginnt ihre Muskeln anzuspannen (wie in den zunehmenden Streiks der letzten Jahre) bedeutet aber, dass für einen Teil der Aktivist*innen, die davon noch nicht erfasst wurden oder (noch) nicht im Arbeitsleben steht, diese Notwendigkeit nicht so klar ist.
Politische Arbeit wird von dieser Schicht weniger als objektive Notwendigkeit gesehen, sondern muss zum eigenen Lifestyle passen, darf nicht “zu unangenehm” sein. Strukturen, Arbeitsweise und Inhalte der verschiedenen linken Organisationen passen sich damit immer mehr individuellen Bedürfnissen an. Das ist zweifellos “angenehmer” für die Aktivist*innen, aber macht aus früheren Kampforganisationen harmlose Wohlfühlgruppen.
Die Nabelschau wird teilweise vom Individuum auf die eigene Blase “erweitert”. Eine letztlich elitär-exklusive Methode, die für den Großteil der Gesellschaft und insbesondere die Arbeiter*innenklasse keine Option ist. Was folgt, ist dann oft eine Arroganz angesichts eines angeblich “mangelnden Bewusstseins“ breiterer Schichten und v.a. der (männlichen, weißen) Arbeiter*innen, obwohl man doch ohnehin alles genau erklärt hat – ohne allerdings die materiellen Grundlagen zu schaffen. Auch wo es ein Verständnis für die Bedeutung der Arbeiter*innenklasse für gesellschaftliche Veränderungen gibt, agieren akademisch und von Mittelschichten geprägte Linke meist von außen und mit dem Ziel, den Arbeiter*innen Bewusstsein beizubringen.
Diskussionen in linken Organisationen sind heute geprägt von “Wertschätzung” und jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, um niemanden zu “triggern”. Nichts gegen Höflichkeit und einen solidarischen Umgangston. Doch meist wird hier eine vermeintlich solidarische Form in den Vordergrund gesetzt, um eine notwendige inhaltliche Debatte zu vermeiden. Was bleibt, ist dann der “Konsens” für das Gute und Schöne ohne klares Programm, Taktik und Strategie. Man dreht sich im Kreis, führt dieselben Debatten immer wieder und vermeidet Konflikte. All das führt zu einem Ergebnis, das keines ist. Eine andere Folge dieses Harmoniebedürfnisses ist der Wunsch nach “sicheren Räumen”. Der Wunsch nach einer Familie, einer Organisation, einem Stadtteil, einer Schule etc. ohne Rassismus, Sexismus oder andere Unterdrückungsformen, wo man sich sicher und wertgeschätzt fühlt – all das ist zu 100% verständlich. Und ist gerade für die unterdrücktesten Schichten, deren Leid Identitätspolitiker*innen oft lautstark beweinen, zu 100% unmöglich, solange wir in einer Klassengesellschaft leben, die Armut, Ausbeutung und genau diese Spaltungsinstrumente braucht und erzeugt, um weiter bestehen zu können. Die unfaire Verteilung der Hausarbeit wird durch eine Vergesellschaftung derselben weit besser bekämpft, als wenn die Verantwortung auf die individuelle Frau geschoben wird, vom Partner einzufordern, seinen Anteil zu übernehmen.
Das bedeutet nicht, Sexismus und Rassismus in der Arbeiter*innenbewegung oder linken Organisationen zu akzeptieren. Nicht wer diese Spaltungsmechanismen aufzeigt und bekämpft, ist verantwortlich für die Spaltung. Es bedeutet aber zu verstehen, dass diese Ideologien der herrschenden Klasse existieren, solange die herrschende Klasse herrscht (und auch darüber hinaus – allerdings nur mehr als Erbe der alten Gesellschaft und mit der Möglichkeit, diese endlich zu überwinden, da ihre materiellen Grundlagen nicht mehr existieren!) . Eine idealistische Linke konzentriert sich darauf, die eigenen Strukturen möglichst von diesen unterdrückenden Elementen zu befreien, sie setzt beim Bewusstsein der eigenen Aktivist*innen an und versucht hier Achtsamkeit, Selbstreflexion und Verständnis für die eigene Rolle zu erzeugen. “Check your privileges” ist Ausdruck für diesen Zugang. Eine solche Linke ist ungefährlich und äußerst praktisch für die Herrschenden. Sie stellt die herrschenden Zu- und Missstände nur sehr oberflächlich in Frage, da sie die Ursachen personalisiert. Die Analyse wird durch viele Zahlen und Fakten (also Empirie) und lautstarke und mit viel Emotion vorgebrachte Empörung ersetzt. Da wird zwar von einem “unterdrückenden System” gesprochen, doch bei näherem Hinsehen und v.a. dort, wo es konkret wird, bleibt es dann doch die Verantwortung des/der Einzelnen, das eigene Verhalten zu ändern, weil das die Ebene ist, die man sich zutraut zu verändern.
Die Wahrheit ist immer konkret
Die materialistische Dialektik ist eigentlich ein Grundpfeiler jeder sozialistischen Organisation. Doch es reicht nicht, zu schauen, was gesagt/geschrieben wird, sondern v.a. zu schauen, welche konkrete Arbeit und Schwerpunkte gesetzt werden. Es gilt: An ihren Taten kannst du sie messen. Und hier liegt die Schwäche von großen Teilen der Linken. Der Aufstieg der extremen Rechten wird mit Sorge betrachtet – und doch werden die Themen Teuerung und Wirtschaftskrise nicht zentral aufgegriffen. Soziale Probleme werden nicht mit (klassenkämpferischen) Kampagnen bekämpft, sondern mit Sozialarbeit und linker Almosenpolitik – individuell – gemildert. Viele Kampagnen verzetteln sich in Detailforderungen anstatt den Blick aufs Ganze zu konzentrieren. Jedes einzelne Kuchenstück wird detailreich verziert – in einer fiktiven Zukunft – ohne den Kampf um die Bäckerei ernsthaft zu führen.
Der Aufstieg der Rechten soll durch starke Zeichen (also Demos von Gegner*innen) gestoppt werden und durch “Aufklärung”. Auf den teils großen Demonstrationen (v.a. in Deutschland) marschierten Vertreter*innen der etablierten Parteien mit. Doch wie sollen die etablierten Parteien diesen Aufstieg stoppen, wo es doch gerade ihre Politik ist, die die Grundlage für diesen Aufstieg bildet?! Da darf man dann auch nicht – “um gemeinsam” gegen rechts zu demonstrieren – die nötige Kritik an der Politik der etablierten Parteien vergessen. Im Gegenteil muss ihre Verantwortung für deren Aufstieg aufgezeigt werden – und damit auch gezeigt werden, wie dieser Aufstieg gebremst werden kann. Denn den Rechten kann der Wind aus den Segeln genommen werden durch eine klassenkämpferische Politik für genügend Ressourcen für alle, die die soziale Lage verbessert und eine Organisation, die genau diesen Kampf organisiert und führt. Eine Linke, die sich über mangelnde Rechtschreibfähigkeiten von FPÖ-Wähler*innen amüsiert oder lieber unter sich in “sicheren Räumen” bleibt, anstatt mit jenen gemeinsam zu kämpfen, die von der Politik der etablierten Parteien betroffen, aber für Themen der “speziellen Unterdrückung” nicht ausreichend “sensibilisiert” sind – eine solche Linke kapituliert, bevor sie überhaupt begonnen hat, Widerstand zu leisten. Und eine Linke, die die Drecksarbeit für das Kapital macht, in Landes- oder sogar Bundesregierungen Kürzungen umsetzt oder sogar zustimmt, um “Schlimmeres” (die FPÖ, die AfD) zu verhindern, bereitet den Boden kommender rechter Wahlerfolge.
Der Krieg im Nahen Osten wird gleich aus zwei idealistischen Blickwinkeln kommentiert. Entweder wird jede Kritik am israelischen Staat als antisemitisch diffamiert und so ein aggressiv-imperialistisches Regime legitimiert. Oder es wird der palästinensische Widerstand unterstützt, aber ohne die notwendige Kritik an der pro-kapitalistischen und reaktionären Hamas zu betonen. Diese Kritik ist nicht aus “moralischen” Gründen notwendig sondern weil die Methode und die Ideologie der Hamas keinerlei Lösung für die Unterdrückung der Palästinenser*innen bietet. In beiden Fällen werden “die Jüd*innen” bzw. “die Palästinenser*innen” primär oder gar ausschließlich über ihre Nationalität/Religion definiert, aber nicht darüber, zu welcher Klasse sie gehören. Falsche Analysen führen zu falschen Lösungen. Die Nationale Frage, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus und andere Unterdrückungen können nicht gelöst werden, wenn sie nicht als notwendiger Bestandteil (kapitalistischer) Klassengesellschaften verstanden werden.
Back to the roots
Der Idealismus war immer da in der Linken, weil er die philosophische Basis des Reformismus ist. Aktuell dominiert er zunehmend auch in der “radikalen Linken”. Diese Dominanz kann mit der Zunahme von Klassenkämpfen durchbrochen werden, die Ideen und Methoden wieder auf die Füße stellen, weil sie im Klassenkampf getestet werden und ihre Nützlichkeit beweisen müssen. Wir alle haben uns über verschiedene Fragen politisiert, es geht darum, das Verbindende und Gemeinsame ins Zentrum zu stellen. Die Macht des gemeinsamen Kampfes ergibt sich nicht aus der schieren Masse der Arbeiter*innenklasse sondern aus ihrer Gemeinsamkeit als unterdrückte (und in sich gespaltene, was zu überwinden ist!) Klasse, die die Reichtümer dieser Gesellschaft erzeugt. Organisationen, die den Sturz des Kapitalismus zum Ziel haben, brauchen eine materialistische Analyse, eine zielgerichtete Organisation und eine tiefe Verankerung in der Arbeiter*innenklasse. Die Methoden des Marxismus sind auch für neue Aktivist*innen unerlässlich. Wir haben nicht die Zeit, um uns mit abstrakten Diskussionen die Nächte um die Ohren zu hauen, sondern wir brauchen konkrete Kampagnen in konkreten Kämpfen. Wir brauchen konkrete Kämpfe, in deren Rahmen auch sexistische und rassistische Vorurteile direkt konfrontiert und überwunden werden können. Wir brauchen die “alten” materialistischen Methoden, die in der Lage sind, Programm, Taktik und Strategie zu entwickeln, um Kämpfe zu führen – und zu gewinnen.
