Dieser Text von TU Senan erschien ursprünglich auf Englisch in dem Buch “Leon Trotsky – A Revolutionary whose Ideas could’nt be killed”, das das CWI anlässlich des 80. Jahrestages der Ermordung Trotzki veröffentlichte.
Das Buch kann hier bestellt werden. Die einzelnen Kapitel kann man als Broschüren bei der Sozialistischen Offensive (sozialistischeoffensive@gmail.com) bestellen.
Wir leben in der Periode der Menschheitsgeschichte mit der größten sozialen Ungleichheit: Das profitorientierte kapitalistische System hat sowohl nie dagewesenen Reichtum als auch nie dagewesenen Mangel hervorgebracht. Wie sich der Kapitalismus auf diese Weise entwickelt hat, ungleich über die Welt verteilt, und insbesondere, wie er sich in der neokolonialen Welt entwickelt hat, hat Leo Trotzki in seinen Schriften über die „permanente Revolution“ beschrieben.
Keine zwei Nationen erleben die Entwicklung des Kapitalismus auf die gleiche Weise. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus führte zu einer Polarisierung zwischen den Nationen und zur Kontrolle kleinerer Volkswirtschaften durch die größeren Industrieländer, die den größten Teil der Weltproduktion kontrollieren. Die Theorie der permanenten Revolution erklärt, wie und warum sich der Kapitalismus auf diese Weise entwickelt. Sie liefert Werkzeuge, um zu verstehen, wie sich eine sozialistische Revolution entwickeln kann, um diese enormen Ungleichheiten zu überwinden. Dazu gehört sowohl ein Verständnis dafür, welche Klasse welche Rolle im revolutionären Wandel spielen wird, wie auch wie sich eine sozialistische Revolution entwickeln wird und wie sie erfolgreich sein kann.
Die grundlegenden Ideen
Die Idee der permanenten Revolution hat drei Hauptbestandteile. Das Konzept des historischen Wandels ergibt sich aus einem Verständnis des „Gesetzes der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung“. Dieses besteht aus zwei Teilen, die zwar gegensätzlich sind, aber auch miteinander verbunden sind. Eine harmonische oder gleichmäßig verteilte Entwicklung findet in der Natur nicht statt; kein Prozess wiederholt sich auf genau dieselbe Weise. Die Wiederholung findet zu unterschiedlichen Zeiten statt und ist daher mit unterschiedlichen objektiven Bedingungen konfrontiert, die sie ihrerseits prägen. In ähnlicher Weise hat sich der Kapitalismus weltweit ungleichmäßig entwickelt und ist auch von verschiedenen nationalen Eigenheiten geprägt.
Ein weiterer zentraler Aspekt der permanenten Revolution ist, wie die ungleiche Entwicklung die weniger entwickelten Länder am Vorankommen hindert. Die Kontrolle über die Weltproduktivkräfte liegt zum großen Teil in den Händen der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Länder. Die Aufteilung der Produktivkräfte, um die Entwicklung auszugleichen, findet im Kapitalismus nie statt. Die Entwicklung des Imperialismus – das Bestreben, das Wachstum des Profits der reichsten Nationen auf globaler Ebene aufrechtzuerhalten – behindert die Entwicklung konkurrierender Produktionskapazitäten in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern.
Obwohl in den weniger entwickelten Nationen eine starke Tendenz zur Entwicklung der Produktivkräfte besteht, führt dies dazu, dass sie in ein abhängiges, neokoloniales Verhältnis zu den entwickelteren kapitalistischen Nationen geraten. Dies wiederum hindert die Bourgeoisie in den unterentwickelten Ländern daran, ihre historischen „bürgerlich-demokratischen“ Aufgaben zu erfüllen. Zu diesen Aufgaben gehören die Beseitigung der feudalen und halbfeudalen Verhältnisse, die Lösung der „nationalen Frage“ und die Schaffung kapitalistisch-demokratischer Mittel, um die Entwicklung der Industrie usw. zu ermöglichen. Diese Aufgaben wurden von den relativ schwachen bürgerlichen Klassen in den unterentwickelten neokolonialen Ländern nicht vollständig umgesetzt.
Während die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in diesen Ländern ungleichmäßig verläuft, kommt eine weitere Kraft ins Spiel. Es handelt sich um das „Gesetz der kombinierten Entwicklung“, das aus der ungleichen Entwicklung hervorgeht und enorme Spannungen hervorrufen kann. Dabei stehen die modernsten Elemente der kapitalistischen Wirtschaft Seite an Seite mit den unterentwickelten Bereichen der Wirtschaft, zu denen auch Aspekte des Feudalismus und anderer vorkapitalistischer Formationen gehören können. Diese wirtschaftlichen Widersprüche und Spannungen können zu sozialen Unruhen, Umwälzungen und Revolutionen führen. Dies war im zaristischen Russland eindeutig der Fall, wo moderne Fabriken in Städten wie Sankt Petersburg von einer weitgehend bäuerlichen Wirtschaft umgeben waren, die sich seit tausend Jahren kaum verändert hatte. Unter der Führung von Lenin, Trotzki und der bolschewistischen Partei übersprang die sozialistische Revolution im rückständigen, zaristischen Russland die bürgerlich-demokratische Revolution und wurde zu einer sozialistischen Revolution. Warum und wie dies geschah, ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, darunter die nationalen Besonderheiten und die Art und Weise, wie sich die Arbeiter*innenklasse in einer sehr konzentrierten Form entwickelte.
Trotzki lehnte die Etappentheorie der Menschewiki ab, die davon ausging, dass weniger entwickelte Länder erst die bürgerlich-demokratische Revolution durchlaufen müssen, wie es der industrialisierte Westen zuvor getan hatte, bevor eine sozialistische Revolution stattfinden kann. Stattdessen argumentierte Trotzki, dass selbst die bürgerlich-demokratischen Aufgaben in den rückständigen Ländern von der Arbeiter*innenklasse zu erfüllen sind, da die kapitalistische Klasse zu schwach ist, um sie zu vollenden. Dazu ist es notwendig, dass die Arbeiter*innenklasse die Macht übernimmt. Aber die Arbeiter*innenklasse an der Macht wird nicht dabei stehen bleiben. Sie wird natürlich handeln, um ihre Klassenbedürfnisse und Ziele zu erreichen, und die Revolution wird zu den Aufgaben der sozialistischen Revolution übergehen. In diesem Sinne ist sie eine permanente Revolution. Vor 1917 sagte Trotzki diesen Prozess für Russland genau voraus. Er schrieb, dass in Ländern, in denen sich der Kapitalismus verspätet entwickelt hat, die Arbeiter*innenklasse, nachdem sie sich an der Macht etabliert hat, die bürgerlich-demokratischen Aufgaben zu Ende führen muss. Durch den Kampf gegen die nationalen Kapitalisten kann das Proletariat ein Bündnis mit der Bauernschaft und den Armen eingehen, wobei die Arbeiter*innenklasse die Führung übernimmt.
Die sozialistische Revolution ist kein einheitlicher Akt. Vielmehr ist sie mit kontinuierlichen Veränderungen verbunden, die notwendig sind, um die Produktivkräfte unter demokratischer Verwaltung und Kontrolle durch die Arbeiter*innenklasse zu bringen. Dies schafft die Grundlage für die Schaffung neuer sozialer Beziehungen, die schließlich zu einer Gesellschaft führen können, die ihre Angelegenheiten selbst regeln kann, ohne dass eine bestimmte Klasse oder Institution sie beherrscht.
Solange die sozialistische Produktionsplanung nicht die vorherrschende Produktionsmethode auf dem Planeten wird, wird der Kapitalismus nicht vollständig besiegt werden. Die sozialistische Revolution kann sich überall auf der Welt entwickeln – der Bruch kann an einem „schwachen Glied“ des Kapitalismus stattfinden, wie Lenin 1917 in Russland feststellte. Die sozialistische Revolution kann jedoch nicht innerhalb einer nationalen Grenze begrenzt oder abgeschlossen werden, wie Lenin und Trotzki erkannten und warnten. Sie muss zu einer Revolution in Permanenz werden, das heißt, sie muss sich international ausbreiten und gründlich sein.
Es kann eine vorübergehende Periode geben, in der eine bestimmte Nation nach einer sozialistischen Revolution mit der Einführung einer Planwirtschaft beginnen kann. Aber sie kann nicht aufrechterhalten werden, wenn die Entwicklung der Produktivkräfte nicht über das hinausgeht, was der Kapitalismus erreicht hat. Dies erfordert eine weltweite Zusammenarbeit der sozialistischen Länder, um die Produktionsmittel so zu organisieren, dass die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft befriedigt werden. Wenn eine Arbeiter*innenregierung von den übrigen Arbeiter*innen der Welt isoliert ist und die Entwicklung auf einen einzelnen Nationalstaat beschränkt bleibt, wird sie schließlich an den scharfen inneren und äußeren Widersprüchen scheitern, die unweigerlich auftreten werden. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die sozialistische Revolution über die ganze Welt ausbreitet. Die Unterstützung dieses Prozesses ist eine wichtige Aufgabe für jede Arbeiter*innenregierung. Die internationale Revolution ist auch nicht nur ein Akt oder etwas, das gleichzeitig geschieht. Sie wird Teil einer Kette von Ereignissen sein, die Siege, aber auch Rückschläge beinhalten. Die sozialistische Revolution, wo auch immer sie stattfindet, kann nicht von der Aufgabe getrennt werden, den ganzen Planeten zu verändern – d.h. der Aufgabe der Weltrevolution.
Ursprung der Ideen
Die Idee der permanenten Revolution war in der einen oder anderen Form eng mit den drei russischen Revolutionen verbunden und war auch eines der Hauptthemen der Diskussionen beim Aufbau der ersten drei Internationalen. Sie wurde dann zu einer Grundlage der Vierten Internationale. Karl Marx‘ Analyse der kapitalistischen Gesellschaft führte zu einem wissenschaftlichen Ansatz für das Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch zum Aufbau einer starken Arbeiter*innenorganisation. Marx und Friedrich Engels hatten gezeigt, wie der Kapitalismus von Anfang an seine eigenen Totengräber in Form der Arbeiter*innenklasse hervorbrachte. Sie ist die einzige Kraft, die in der Lage ist, den Kapitalismus dauerhaft zu beenden. Während des revolutionären Aufstandes in Paris 1871 spielten die Arbeiter*innen eine Schlüsselrolle und schufen ihre eigene Organisation, die Kommune. Diese erste, wenn auch kurze Erfahrung eines Machtstrebens der Arbeiter*innenklasse wurde von Marx und Engels umfassend analysiert und führte zu einer scharfen Auseinandersetzung mit den Anarchist*innen in der Ersten Internationale.
Ein klares Verständnis der zentralen Rolle der Arbeiter*innenklasse und ihrer Aufgaben muss ein integraler Bestandteil des Aufbaus jeder Arbeiter*innenorganisation sein. Im Kommunistischen Manifest, das 1848 während der bürgerlich-demokratischen Revolutionen in Europa verfasst wurde, und in verschiedenen Briefen an den Bund der Kommunisten (den Vorläufer der Ersten Internationale) betonten Marx und Engels die wesentliche Rolle der Arbeiter*innenklasse.
Als die ersten Versuche, Arbeiter*innenorganisationen zu bilden, scheiterten oder gescheitert waren, beobachteten Marx und Engels, wie liberale oder sozialdemokratische reformistische Organisationen, die sich auf bürgerliche oder kleinbürgerliche Elemente (oder eine Kombination davon) stützten, auch unter den Arbeiter*innen die Oberhand gewannen. Sie plädierten dafür, dass dies nicht so weitergehen dürfe und dass die „Unabhängigkeit der Arbeiter wiederhergestellt werden müsse“.
Marx und Engels warnten auch davor, dass die kapitalistische Klasse alles tun wird, um diesen Prozess zu verhindern, unter anderem durch den Versuch, die Führung der Arbeiter*innen zu bestechen und der Arbeiter*innenklasse zu predigen, dass die „Nation“ klassenübergreifend „geeint“ werden muss. Dem muss, mit den Worten von Marx, „auf das Entschiedenste widerstanden werden“.
Im Zuge der Machtübernahme durch die Arbeiter*innenklasse können vorübergehende Bündnisse mit anderen Kräften geschlossen werden, um grundlegende demokratische Forderungen durchzusetzen, aber die Arbeiter*innenklasse kann sich nicht darauf beschränken, diese Teilerfolge zu erzielen. Vielmehr muss die Arbeiter*innenklasse weiter gehen – um eine echte Arbeiter*innenmacht zu errichten. Bereits 1850 erklärten Marx und Engels in einer Ansprache an das Zentralkomitee des Bundes der Kommunisten, dass die „demokratischen Kleinbürger die Revolution so schnell wie möglich zu Ende bringen wollen … es ist unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution dauerhaft zu machen, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen aus ihren herrschenden Stellungen vertrieben sind, bis das Proletariat die Staatsmacht erobert hat und bis die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Land, sondern in allen führenden Ländern der Welt so weit fortgeschritten ist, dass die Konkurrenz zwischen den Proletariern dieser Länder aufhört und wenigstens die entscheidenden Kräfte der Produktion in den Händen der Arbeiter konzentriert sind. „
Marx hat diese Ideen jedoch nicht vollständig entwickelt. In der Zeit, in der er lebte, gab es dafür keine Notwendigkeit, im Gegensatz zu einem halben Jahrhundert später im zaristischen Russland. Diese Ideen waren während des Aufbaus der Zweiten Internationale zum Gegenstand einer intensiven Debatte geworden. Die vorherrschende Strömung innerhalb der Zweiten Internationale glaubte, dass demokratische Forderungen unter der Führung der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums durchgesetzt werden müssten, bevor die sozialistische Revolution von den Arbeiter*innen durchgeführt werden könne. Obwohl sie sich selbst als Marxist*innen bezeichneten, fehlte es ihnen an einer wirklichen Anwendung des Marxismus zum Aufbau von Arbeiter*innenorganisationen und zur Entwicklung einer Perspektive für die Revolution. Doch viele Revolutionäre jener Zeit, wie Wladimir Lenin, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Leo Trotzki und andere, verteidigten die wissenschaftliche Tradition von Marx.
Unter ihnen ragt Trotzki bei der Weiterentwicklung der Ideen der permanenten Revolution heraus. Das liegt nicht nur an seinen intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch an seiner direkten Rolle bei der Führung einer Revolution.
Lehren aus der Revolution von 1905
Die konkrete Notwendigkeit der Anwendung der permanenten Revolution trat mit der russischen Revolution von 1905 in den Vordergrund. Sie brach in einem Land aus, in dem die nationale, industrielle kapitalistische Klasse noch nicht voll entwickelt war und noch ein feudaler Monarch an der Macht war. Zu dieser Zeit gab es in Russland eine zahlenmäßig kleine, aber starke und konzentrierte Arbeiter*innenklasse. Es überrascht nicht, dass diese Klasse die dominierende Kraft in der Revolution von 1905 wurde, die mit einem Streik begann und sich schnell durch Streikwellen ausbreitete, an denen sich mehr als eine Million Männer und Frauen beteiligten. Dies führte auch dazu, dass die Arbeiter*innen in Erwartung der Machtübernahme ihre eigenen Organisationen gründeten – einen Arbeiter*innenrat (auf Russisch „Sowjet“). Trotzki, der den Petersburger Sowjet leitete, sah sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, eine Strategie und Perspektive für den Sieg der Revolution und die Machtübernahme zu entwickeln. In dieser Zeit entwickelte Trotzki die Ideen der permanenten Revolution weiter. Er fasste seine Gedanken in dem historischen Bericht über die Revolution von 1905 zusammen, den er 1906 nach der Niederlage der Revolution im Gefängnis schrieb. In diesem kleinen Buch, Ergebnisse und Perspektiven, legte Trotzki eine Analyse der russischen Gesellschaft und ihrer Besonderheiten sowie des Charakters der verschiedenen vorhandenen Klassenkräfte, einschließlich der Bauernschaft, vor.
Angesichts der Realität dieser Revolution kämpfte Trotzki gegen die in der Linken vorherrschende Vorstellung, dass Russland erst eine demokratisch-revolutionäre Phase durchlaufen müsse, wie sie zuvor in verschiedenen westlichen Industrieländern stattgefunden hatte, bevor die Arbeiter*innen die Macht übernehmen könnten. Zur Rechtfertigung dieser Position wurde eine vulgäre Interpretation von Marx herangezogen. Im Kommunistischen Manifest erörterten Marx und Engels die mächtige Kraft des Kapitalismus – die kombinierte Entwicklung -, die nationale Grenzen überwinden würde, um sich weiterzuentwickeln. Sie erklärten, dass die „billigen Preise der Waren die schwere Artillerie sind, mit der er alle chinesischen Mauern niederschlägt“. Und weiter: „Er zwingt alle Nationen unter Androhung der Ausrottung, die bürgerliche Produktionsweise anzunehmen; er zwingt sie, das, was er Zivilisation nennt, in ihre Mitte einzuführen, d.h. selbst bürgerlich zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde“. Marx wiederholte den Punkt, dass „das industriell höher entwickelte Land dem weniger entwickelten nur das Bild seiner eigenen Zukunft zeigt“. Die „Vulgärmarxisten“ haben die Nuancen der Ideen von Marx und Engels völlig ignoriert und sich stattdessen an die oben zitierte Handvoll Worte geklammert, um zu behaupten, dass sich der Rest der Welt nach dem Bild der entwickelten Welt entwickeln wird.
Marx hatte Recht damit, dass der Kapitalismus das Potenzial hat, die alten feudalen Verhältnisse zu durchbrechen und sich zu entwickeln. Wie diese Entwicklung aber gleichzeitig den systemimmanenten Widersprüchen entgegengesetzt ist, zeigt Lenin in seiner Analyse “Imperialismus: Das letzte Stadium des Kapitalismus” und Trotzki in der “Permanenten Revolution”. Marx hat nirgends behauptet, dass sich der historische Prozess in der gleichen Weise oder nach dem gleichen Bild wiederholen wird. Er wies lediglich auf die mächtige Tendenz des Kapitalismus hin, sich auf alle Ecken der Erde auszudehnen, und auf die grundlegenden Gesetze des Kapitalismus, die überall auf der Welt gelten werden. Marx und Engels wiesen darauf hin, dass der Kapitalismus das erste System war, das sich als Weltsystem und als vorherrschende Produktionsweise etabliert hatte, womit Trotzki einverstanden war. Die Mechanismen dieser Entwicklung in verschiedenen Teilen der Welt wurden von Marx und Engels nicht vollständig entwickelt.
Selbst in Trotzkis erstem Buch zu diesem Thema, “Resultate und Perspektiven”, wurden nicht alle Ideen vollständig entwickelt. Verschiedene Diskussionen und Debatten im Anschluss an die Revolution von 1905 trugen dazu bei, dass Trotzki sein Verständnis weiter ausbauen konnte. In seiner Autobiografie Mein Leben (1930) schrieb Trotzki: „In den Schriften von Marx, Engels, Plechanow und Mehring fand ich später die Bestätigung für das, was mir im Gefängnis nur eine Vermutung zu sein schien, die der Überprüfung und theoretischen Rechtfertigung bedurfte.“ Trotzki würdigte auch Alexander Parvus, der ein angesehener marxistischer Theoretiker war, bevor er sich der Wirtschaft zuwandte, um reich zu werden. Trotzki und Parvus, der einen Doktortitel in politischer Ökonomie besaß, Marx‘ Schriften eingehend gelesen hatte und anregende Diskussionen mit Luxemburg und anderen führte, bestanden auf der Unabhängigkeit der Arbeiter*innenorganisation, dem Generalstreik als Schlüsselwaffe der Arbeiter*innenklasse und den Grundideen der permanenten Revolution. Aber erst Trotzki entwickelte durch seine Erfahrungen mit den Revolutionen ein umfassendes Verständnis dafür. Bald wurden diese Ideen während der Revolutionen von 1917 bestätigt.
Die “permanente Revolution” in der Praxis 1917
Nach 1905 und bis zur Februarrevolution 1917 forderten Lenin und die bolschewistische Partei eine „demokratische Diktatur der Arbeiter*innen und Bäuer*innen“. Die Bolschewiki wandten sich entschieden gegen die menschewistische Position der vollständigen Machtübergabe an die kapitalistische Klasse. Die Losung der Bolschewiki war jedoch auch eine algebraische Formel, die in Bezug auf die Rolle der Arbeiter*innenklasse keine Klarheit bot. Diese Formel kann die Arbeiter*innenklasse als Kollaborateurin und nicht als führende Kraft darstellen. Als die Revolution im Februar 1917 erneut ausbrach, war Lenin gezwungen, diese Position zu überprüfen.
Die meisten führenden Mitglieder der Bolschewiki, darunter auch Josef Stalin, befürworteten eine Zusammenarbeit mit der kapitalistischen Provisorischen Regierung und stützten sich dabei auf den alten bolschewistischen Ansatz. Einen Tag nach seiner Ankunft aus der Schweiz in Russland im April stellte Lenin den Bolschewiki und Menschewiki seine neu ausgearbeiteten Thesen vor. Was als Aprilthesen bekannt wurde, wurde zur Vorlage für die Oktoberrevolution 1917 und schockierte viele führende Vertreter*innen der bolschewistischen und menschewistischen Parteien.
Nach einer Analyse der Entwicklung der Februarrevolution vertrat Lenin die Auffassung, dass die Revolution ohne Unterbrechung in die sozialistische Revolution übergehen und die Macht durch das Proletariat übernommen werden sollte, wobei sich die Armen und die Bauern mit ihm verbünden sollten, und erklärte, dass er die Provisorische Regierung nicht unterstützen würde. Lenin gelangte zu einer Position, die Marx mit der Pariser Kommune als Vorbild für die Errichtung eines Arbeiter*innenstaates vertrat. Dieser Positionswechsel Lenins führte in den folgenden Monaten schließlich zu der Forderung „Alle Macht den Sowjets“. Sie brachte die Bolschewiki an die Spitze der Sowjets und führte schließlich zur Arbeiter*innenrevolution im Oktober 1917 und zur Errichtung eines Arbeiter*innenstaates.
Trotzki kam einen Monat später, im Mai, in Petrograd an, einer Stadt, die das Herz der Revolution war. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft begann er, den Arbeiter*innen und Revolutionär*innen zu erklären, dass die Macht von den Sowjets übernommen werden müsse, wenn die Revolution erfolgreich sein solle. Er wandte sich vehement gegen die neu gebildete pro-kapitalistische Koalitionsregierung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Positionen von Lenin und Trotzki in Bezug auf die Entwicklung der Revolution identisch. Trotzki schloss sich sofort mit den Bolschewiki zusammen und trat ihnen schließlich bei. Er wurde zusammen mit Lenin und anderen zu einem der wichtigsten Führungsmitglieder der bolschewistischen Partei.
Die Oktoberrevolution wurde zu einem Test für die Theorie der permanenten Revolution und zu ihrem historischen Beweis. Es handelte sich nicht um eine Machtübernahme oder einen Staatsstreich, wie einige kapitalistische Historiker, die sich nicht auf eine detaillierte Analyse der Revolution stützen, behaupten. Keine andere Kraft als die Arbeiter*innenklasse war in der Lage, diese Gesellschaft voranzubringen und all das zu erfüllen, was die Revolution forderte, einschließlich demokratischer Rechte. Es wäre eine weitaus blutigere Angelegenheit mit massiven Zerstörungen gewesen, wenn die Bourgeoisie 1917 als Siegerin hervorgegangen wäre.
Außerdem wären die Produktivkräfte und die gesamte gesellschaftliche Entwicklung weiterhin in einer neokolonialen Beziehung zu den europäischen Kapitalisten gestanden, und Russland hätte sich nicht so entwickelt, wie es sich entwickelt hat. Die Übernahme der Macht durch die Arbeiter*innen, unterstützt von der armen Bäuer*innenschaft, sorgte dafür, dass der Prozess der Revolution abgeschlossen wurde. Entschlossenes Handeln der Partei und der Führung war dringend erforderlich, und diese historische Aufgabe wurde von den Bolschewiki, Lenin und Trotzki, erfüllt. Die Oktoberrevolution hat die Welt für immer verändert und ist das bisher wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit.
Was folgte, war keine Diktatur der Arbeiter*innen und Bäuer*innen. Trotzki hatte zuvor argumentiert, dass eine solche Regierung nirgendwo auf der Welt existiere und auch nicht existieren könne, da sie die Frage des Verhältnisses zwischen diesen Klassen, insbesondere die Frage, welche Klasse dominiert, außer Acht lasse. Er wies darauf hin, dass die Bäuer*innenschaft, selbst wenn sie eine Mehrheit und eine revolutionäre Gesinnung hätte, in der Geschichte nie unabhängig gehandelt habe und nicht in der Lage sei, ihre eigenen unabhängigen Organisationen zu bilden, um die Macht zu übernehmen. Trotzki, der bereits vor der Revolution von 1905 Erfahrungen mit Bäuer*innenorganisationen gesammelt hatte, schrieb, dass die Kräfte der Bäuer*innenschaft „durch ihre ökonomischen Beziehungen gespalten sind. Mehr noch, sie ist keine homogene Gruppe“.
Diese Eigenschaften haben dazu geführt, dass die Bäuer*innen in der Geschichte verschiedene untergeordnete Rollen gespielt haben. Sie können hinter den Kapitalist*innen hergezogen werden, um die Arbeiter*innen niederzuschlagen, wie in den Jahren 1871 und 1905. Oder sie können für die Revolution gewonnen werden, wie bei der erfolgreichen russischen Revolution von 1917. Trotzki erklärte, dass die Bäuer*innenschaft keine eigene, gut koordinierte Organisation hervorbringen kann, um eine Revolution anzuführen. Abgesehen von den reichen Bäuer*innen und Kaufleuten gelang es den armen Bäuer*innen nicht einmal in den Sowjets, die vor der Revolution von 1917 in den Dörfern gebildet wurden, eine unabhängige Organisationsform zu finden oder aufrechtzuerhalten. Die Revolution wirkte jedoch als Bindeglied zwischen Bäuer*innenschaft und Arbeiter*innen, und die revolutionäre Bewegung mit den Arbeiter*innen an der Spitze ermöglichte es der Bäuer*innenschaft, ihre Forderungen durchzusetzen. Trotzki und Lenin rechneten damit, dass die Bäuer*innenschaft die Arbeiter*innenklasse bei der Machtübernahme unterstützen könnte und das Proletariat seinerseits Landreformen und andere dringende Bedürfnisse der armen Bäuer*innenschaft durchsetzen könnte. Mit anderen Worten: Die Arbeiter*innenklasse müsste die Verantwortung für die Durchführung der Aufgaben der „demokratischen Revolution“ übernehmen, die historisch gesehen von der Bourgeoisie in früheren Revolutionen bei der Entstehung des Kapitalismus durchgeführt worden waren. Diese Frage musste geklärt werden, um die Oktoberrevolution durchzusetzen.
Rückkehr des “alten Bolschewismus” unter Stalin
Obwohl die Oktoberrevolution die vorgefassten Meinungen der „alten Bolschewiki“ vor 1917 widerlegte, tauchten sie mit der Herausbildung der Bürokratie um die Führung Stalins wieder auf. Stalin kehrte nicht nur zu den alten Parolen zurück, sondern übernahm auch die alte menschewistische Position eines „Etappen“-Ansatzes, d. h. dass eine bürgerlich-demokratische Revolution notwendig ist, bevor die Arbeiter*innenrevolution stattfinden kann (vor allem für die neokolonialen Länder). Mit diesem falschen Ansatz spielten die stalinistische Bürokratie und die von ihr kontrollierte Dritte Internationale eine entscheidende Rolle bei der Niederlage von Revolutionen in der ganzen Welt, insbesondere der chinesischen Revolution 1925-27. Die Dritte Internationale – auch Kommunistische Internationale (Komintern) genannt – plädierte unter Stalin zunächst für die Kollaboration der Arbeiter*innen mit der kapitalistischen Klasse im Namen der demokratischen Revolution in China. Mit diesem Ziel verhinderte sie, dass sich in China eine Arbeiter*innenorganisation sowjetischen Typs entwickelte.
Die Kommunistische Partei Chinas wurde angewiesen, sich mit der nationalistischen Kuomintang-Partei (KMT) unter der Führung von Chiang Kai-shek zusammenzuschließen. Es wurden keine Anstrengungen unternommen, die Unabhängigkeit der Kommunistischen Partei zu bewahren oder Bündnisse mit den besten Teilen der damals entstandenen nationalen Volksbewegung zu suchen. Stattdessen wurde der wachsende Konflikt der KMT mit dem Imperialismus als ein Schritt in eine positive Richtung angesehen. Diese falsche Taktik, ein Bündnis gegen den Imperialismus zu schmieden, um die internen Klassenwidersprüche zu verschleiern, wird immer noch von stalinistischen Parteien vorgebracht, wo sie stark vertreten sind. Als Chiang Kai-shek eine große Anzahl von Kommunist*innen säuberte und tötete, riet die Komintern der Kommunistischen Partei Chinas, sich mit dem linken Flügel der Kuomintang unter der Führung von Wang Jingwei zu verbünden.
Aber Wang Jingwei war in Wirklichkeit ein „chinesischer Kerenski“, erklärte Trotzki. Dennoch wurde er von der Führung der Komintern als neuer Held gefeiert. Wang Jingwei zerschlug schließlich die Kommunistische Partei. Die chinesische Arbeiter*innenklasse blieb unbewaffnet und ohne eigene Organisation zurück. Nicht einmal die Menschewiki verfolgten eine so katastrophale Politik, wie Trotzki später betonte.
Trotzki gründete die Linke Opposition, um die russische Revolution und den wissenschaftlichen Sozialismus gegen die Bürokratie zu verteidigen. Diejenigen, die den echten Marxismus verteidigten, bezeichneten sich selbst als „Trotzkisten“ und schlossen sich der Linken Opposition an. Die Ideen der permanenten Revolution standen im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen und der stalinistischen Schauprozesse und Hexenjagden, die folgten. Die Linke Opposition wurde nicht dadurch zerschlagen, dass ihre marxistischen Ideen besiegt wurden, sondern durch die Ermordung von Zehntausenden ihrer Anhänger*innen. Viele weitere wurden in der Sowjetunion inhaftiert oder ins Exil verbannt.
Nach dem erzwungenen Exil in der Türkei sammelte Trotzki, der die Bedeutung des Kampfes der Ideen erkannte, seine alten Schriften über die permanente Revolution und führte sie in einer eigenen Einleitung und neuen Kapiteln weiter aus. Das daraus resultierende Buch, “Die Permanente Revolution”, wurde 1930 veröffentlicht. Bis heute ist es einer der wichtigsten Beiträge zum Marxismus und bietet eine Vorlage für den Aufbau einer Strategie für revolutionäre Organisationen und Revolutionen in der gesamten neokolonialen Welt.
Verleumdungen
Die Kampagne der stalinistischen Bürokratie gegen Trotzki und seine Ideen, die aus falschen Interpretationen und Lügen bestand, dauert bis heute an, insbesondere in Ländern, in denen die stalinistischen kommunistischen Parteien starke Unterstützung hatten. Dazu gehörten Verleumdungen, dass Trotzki die Rolle der Bäuer*innenschaft ignoriert habe, dass er die Rolle der Arbeiter*innenklasse unterschätzt habe, dass er eine utopische Vorstellung von einer gleichzeitigen Weltrevolution vertreten habe und vieles mehr. Diese und viele andere Behauptungen wurden von Trotzki beantwortet.
Darüber hinaus wurde die Idee der permanenten Revolution in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Ereignisse der späten 1950er und 1960er Jahre erneut in Frage gestellt. Das oft zitierte Beispiel ist die chinesische Revolution von 1949. Eine von Mao Zedong angeführte Bäuer*innenarmee drang in die Städte ein und übernahm durch einen Ausgleich zwischen den Klassen die Macht. Während der kubanischen Revolution von 1959 marschierte eine Rebellenarmee, die sich auf das Kleinbürgertum stützte und einen Guerillakrieg führte, auf Havanna zu und übernahm die Macht.
Darüber hinaus führte die Niederlage des Generalstreiks in Frankreich im Mai 1968 dazu, dass ein Teil der desillusionierten Kleinbürger*innen und verschiedene soziale Bewegungen in der ganzen Welt Marx „neu überdachten“ und „neu lasen“ und eine Vielzahl reaktionärer Ideen, vom ‚Strukturalismus‘ bis zum „Postmodernismus“, aufkamen. Obwohl diese Ideen in der Arbeiter*innenklasse nie vorherrschend waren, dominierten sie oft an den Universitäten und in der Intelligenz. Sie wurden auch bewusst von bürgerlichen Institutionen gefördert, um revolutionäre Ideen zu bekämpfen.
Trotzki hatte nicht nur darüber geschrieben, wie sich die Revolution entwickeln würde, er widmete auch ein Buch, Die verratene Revolution (1936), der Analyse und Erklärung, warum und wie sogar eine erfolgreiche Arbeiter*innenrevolution besiegt werden konnte, wie im Falle Russlands. Einer der Hauptgründe für das Entstehen der herrschenden bürokratischen Clique in Russland war das Scheitern der sozialistischen Revolutionen in Deutschland und anderen Teilen Europas und der Welt. Lenin und Trotzki hatten erklärt, dass dies notwendig gewesen wäre, um die russische Revolution wirksam zu verteidigen. Trotz ihres degenerierten Charakters wurde die stalinistische Sowjetunion zu einem mächtigen Bezugspunkt und einem Gegengewicht zum kapitalistischen Westen, der jede soziale oder revolutionäre Umwälzung als seinen Feind betrachtete. Alle großen Bewegungen und sozialen Umwälzungen, die vor allem in den neokolonialen Ländern stattgefunden haben, wurden davon beeinflusst. Wenn sich in der neokolonialen Welt eine mächtige Bewegung für Veränderungen entwickelte, die den Kapitalismus herausforderte, bestand die Tendenz, dass sie sich am Stalinismus orientierte oder auf die Hilfe der Sowjetunion angewiesen war, um zu überleben.
Die Arbeiter*innenklasse spielte in der chinesischen Revolution von 1949 nicht die führende Rolle und bestimmte deren Charakter und Entwicklung. Ein ähnlicher Prozess war in Kuba zu beobachten. Der enorme Druck des US-Imperialismus und der damalige Kalte Krieg bestimmten die Marschrichtung von Fidel Castro, der erst nach der Revolution zum „Sozialisten“ wurde. Obwohl das Regime durch die Einführung einer Form der Planwirtschaft rasch die Unterstützung der Arbeiter*innen gewann, blieb der Charakter des Regimes an die von ihm vertretenen kleinbürgerlichen Klassenkräfte gebunden.
Die Argumente, die gegen die permanente Revolution vorgebracht werden, verkennen nicht nur den Charakter der Regime, die in diesen Ländern entstanden sind, sondern auch die Rolle der Arbeiter*innenklasse. Die Arbeiter*innenklasse ist nicht von sich aus revolutionär, sondern durch ihr kollektives Handeln und Bewusstsein als Klasse. Keine andere Klasse hat die Geschichte so sehr vorangetrieben und demokratische Rechte errungen wie die Arbeiter*innenklasse. In jeder Massenbewegung, die sich gegen die herrschende Klasse und ihr System richtet, ist die Rolle der Arbeiter*innenklasse (ob klein oder groß) ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Bewegung und die erzielten Errungenschaften. Dass die Arbeiter*innenklasse ein Faktor ist, bedeutet jedoch nicht, dass sie immer an der Spitze steht. Trotzki argumentierte, dass die Rolle der Arbeiter*innen bei der Erringung demokratischer und anderer Rechte in den Kämpfen der Massen in der neokolonialen Welt wichtig ist, aber vor allem ist die Führung dieser Klasse entscheidend für die sozialistische Revolution und die Errichtung der Arbeiter*innendemokratie und die demokratische Planung der Gesellschaft. Die Übernahme der Führungsrolle durch die Arbeiter*innenklasse ist kein Automatismus, sondern hängt von verschiedenen objektiven und subjektiven Bedingungen ab. Wenn andere Klassen den revolutionären Prozess dominieren, wird dies den Charakter und das Ergebnis einer revolutionären Bewegung verändern.
Viele verwechseln die sozialistische Revolution mit einem Regime, das mit Elementen sozialistischer Ideen an die Macht kommt und die Verstaatlichung und Aspekte eines Plans innerhalb der Grenzen des Nationalstaates umsetzt. Selbst der Erfolg davon hängt davon ab, wie sich die Revolution entwickelt und ob die sozialistische Planwirtschaft die dominierende Wirtschaft auf dem Planeten wird.
Heute setzen die Verfechter der Identitätspolitik auf eine identitätsbasierte Führung, um die sozialen Forderungen zu erfüllen. Anstatt standhaft zu bleiben und weiter für den größeren Einfluss und die Führung der Arbeiter*innenklasse zu kämpfen, orientieren sich einige Linke an diesen Schichten, suchen Bündnisse mit ihnen und akzeptieren sogar ihre Führung. Mit dieser Position in den 1960er Jahren wurden einige Trotzkist*innenen unter der Führung von Ernest Mandel und dem Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale pessimistischer in Bezug auf die zentrale Rolle der Arbeiter*innenklasse als Hauptkraft zur Veränderung der Gesellschaft. Dies bedeutet faktisch die Abkehr vom Marxismus und führte zu verschiedenen Spaltungen innerhalb der Vierten Internationale. Der “Mandelismus” wurde zu einem Begriff, um diejenigen in der Linken zu beschreiben, die auf andere Kräfte als die Arbeiter*innenklasse setzen, um die Führung zu übernehmen.
Die permanente Revolution lehnt diese Position und deren krude Vorstellung von Marxismus ab. Wie sich die Gesellschaft von einem System und einer Produktionsweise zu einer anderen verändert, wird von Marx erklärt. Lenin und Trotzki kämpften hart gegen eine vulgäre Interpretation von Marx, die im Grunde genommen ein Argument für die Auflösung der revolutionären Organisation ist und es der kapitalistischen Klasse erlaubt, ihre Herrschaft fortzusetzen. Mandel benutzte das gleiche Argument, um seine Position zu rechtfertigen, die Zentralität der Arbeiter*innenklasse aufzugeben und sich anderen gesellschaftlichen Kräften zuzuwenden. Damit wurde die Vierte Internationale effektiv liquidiert.
Es gibt keinen Mangel an Revolutionen in dieser höchst ungerechten und ungleichen Welt. Aber die Rolle der Arbeiter*nnenklasse ist entscheidend dafür, ob eine bestimmte Revolution mehr als nur einige demokratische und politische Rechte erringen kann oder ob sie eine sozialistische Revolution wird. Das ist der Kern dessen, worum es bei den Ideen der permanenten Revolution geht. Die sozialistische Revolution sollte nicht mit Reformen oder der Errichtung eines Regimes mit einem anderen, nicht-kapitalistischen Charakter innerhalb der Grenzen eines Nationalstaates verwechselt werden. Der etappentheoretische Ansatz “revolutionärer” Parteien, die mit Unterstützung und unter Führung der kapitalistischen Klasse dieser die Verantwortung für die Umsetzung der Aufgaben der bürgerlichen Demokratie übergeben, hat dazu beigetragen, revolutionäre Prozesse und revolutionäre Parteien zu zerstören.
Die stalinistische “Kommunistische Partei Indiens (Marxisten)” (KPI-M) stellte sich gegen die Landrechte der Bäuer*innen in Nandigram in Westbengalen, wo die Partei eine starke Position aufgebaut hatte, um kapitalistische Investitionen zu stützen. Diese falsche Haltung trug zum Ende ihrer 30-jährigen Herrschaft in diesem Bundesstaat bei und zerstörte schließlich die Stärke der KPI-M. In Nepal bot sich einer maoistischen Partei, der “Vereinigten Kommunistischen Partei Nepals (Maoistisch)”, 2006 die Möglichkeit, die Macht zu übernehmen. Es kam zu einem gewaltigen Generalstreik, und gleichzeitig umzingelten die Massen die Hauptstadt Kathmandu in einer Menschenkette auf der 27 km langen Ringstraße. Damit wurde die Herrschaft der Monarchie beendet und die Staatsmacht an die Maoist*innen übergeben.
Angesichts der Aufgabe, die Revolution “permanent” zu machen und zu Ende zu führen, hielten sie jedoch an den alten Ideen fest und beschränkten sich darauf, eine „demokratische“ kapitalistische Regierung einzusetzen. Die Geschichte wiederholte sich als traurige Tragödie, denn die Verlängerung der Diskussion in der verfassungsgebenden Versammlung in Nepal gab der kapitalistischen Reaktion genügend Raum und Zeit, um zurückzukehren und den revolutionären Prozess zu stoppen. Infolgedessen wurde die maoistische Partei gespalten, und ihre Kontrolle bzw. jegliche Macht ist nun stark eingeschränkt. Von der sogenannten „einzigartigen“ nepalesischen Revolution und dem „Prachanda-Pfad“ ist jetzt nichts mehr zu spüren. Ein Teil der Maoist*innen ist nun aufs Land zurückgekehrt, um den Kampf von vorne zu beginnen.
Die Notwendigkeit der permanenten Revolution stellte sich in der nepalesischen Revolution deutlich. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannten sogar einige Führer wie Baburam Bhattarai (auch bekannt als Laldhwaj) die Grenzen an, denen sie sich gegenüber sahen: „Wir wollen diesen radikalen Wandel durch einen demokratischen und verfassungsmäßigen Prozess sicherstellen, aber diese Möglichkeit scheint begrenzt zu sein, da sich die reaktionären Kräfte zusammenschließen, um gegen die radikalen Kräfte im Land zu kämpfen. In diesem Zusammenhang scheint die Option einer friedlichen Entwicklung der Revolution auszusterben.“ Im Anschluss daran soll er gesagt haben, dass im „gegenwärtigen Kontext der Trotzkismus wichtiger geworden ist als der Stalinismus, um die Sache des Proletariats voranzubringen“. Aber die Führung der Kommunistischen Partei in Nepal hat die ihnen gestellten historischen Aufgaben nicht erfüllt. Stattdessen hielten sie an der alten stalinistischen Sichtweise fest und erklärten: „Im Grunde genommen hat sich das sozialökonomische System nicht radikal verändert. Die Notwendigkeit, die demokratische Revolution zu vollenden, besteht also nach wie vor, und unsere Partei konzentriert sich auf die Vollendung dieser demokratischen Revolution unter Berücksichtigung der Besonderheiten Nepals und der aktuellen Weltlage.“
Die Idee der permanenten Revolution ist aktueller denn je, da die aktuelle globale Krise wahrscheinlich große soziale Bewegungen hervorbringen wird. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass sich eine revolutionäre Organisation diese Ideen zu eigen macht und unermüdlich daran arbeitet, ihren Einfluss innerhalb der Arbeiter*innenklasse und ihrer Organisationen zu vergrößern. In der aktuellen Krise haben sich die Bedingungen überall auf der Welt verschlechtert. Das bedeutet auch, dass verschiedene Bewegungen entstehen werden, um verschiedene demokratische Rechte zu verteidigen und voranzutreiben. Die kapitalistischen Parteien und die herrschenden Eliten werden versuchen, einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen auszuspielen, um ihr Überleben zu sichern. Wo kleinbürgerliche Kräfte und andere Klassenkräfte als die Arbeiter*innenklasse eine Bewegung dominieren, bieten sie der herrschenden Elite die Möglichkeit, den Einfluss der Arbeiter*innen und der revolutionären Organisationen zu kontern. Marxist*innen dürfen diesen Kräften und der identitätsbasierten Spaltung, die viele von ihnen heute als ihr Banner benutzen, nicht nachgeben. Stattdessen sollten Trotzkist*innen dafür kämpfen, die Rolle der Arbeiter*innenklasse im Verlauf der Kämpfe zu stärken. Das bedeutet, nicht nur gegen die kapitalistische Klasse zu kämpfen, sondern auch gegen jede Art von Ideen, die gegen die Einheit und führende Rolle der Arbeiter*innenklasse propagiert werden.
Wir müssen auch der Idee einer Koalition der Klassen widerstehen, die im Namen der „nationalen Einheit“ gebildet wurde, und für die Unabhängigkeit der Arbeiter*innenklasse kämpfen. In Indien setzen die stalinistischen Führer ihre Tradition fort, den kapitalistischen liberalen Parteien und ihrer Führung auf dem Fuße zu folgen. Die Führung der Kommunistischen Partei hält es beispielsweise immer noch für richtig, ein Bündnis mit der pro-kapitalistischen Kongresspartei einzugehen. Die Maoist*innen halten immer noch an ihrer irrigen Vorstellung von einer Koalition von vier Klassen fest. Der Druck auf diese Führung, Kompromisse einzugehen, wird in der kommenden Zeit zunehmen, da der autoritäre Charakter des hindunationalistischen Regimes von Narendra Modi in Indien wahrscheinlich zunehmen wird. Die Strategien der Kommunistischen Partei beruhen auf einem Mangel an Vertrauen in die revolutionären Fähigkeiten der Arbeiter*innenklasse. Anstatt mit den kapitalistischen und kleinbürgerlichen Klassen zu kollaborieren und Identitätspolitik zu betreiben, ist der Aufbau einer unabhängigen Massenorganisation der Arbeiter*innenklasse mit einer Führung, die eine weitsichtige Perspektive für den Kampf für den Sozialismus hat, dringend erforderlich.
Nicht nur in Indien, sondern überall reifen die Bedingungen für eine Revolution heran, und in einigen Fällen sind sie bereits reif. Der wichtigste Faktor, der fehlt, sind Massenorganisationen der Arbeiter*innen mit einem marxistischen Programm. Während sie am Aufbau solcher Organisationen arbeiten, müssen die Arbeiter*innen in jedem Land auch versuchen, ihren Kampf mit den anderen Kämpfen zu verbinden, die überall auf der Welt entstehen. Diese wichtige Arbeit wird vom Komitee für eine Arbeiter*inneninternationale geleistet, das sich auf die Erfahrungen und das Wissen stützt, die in der Vergangenheit und Gegenwart durch Revolutionen und Konterrevolutionen sowie im Aufbau von Arbeiter*innenorganisationen und der Arbeiter*innenbewegung gewonnen wurden. Wir appellieren an alle Arbeiter*innen und Jugendlichen, sich mit uns im Kampf für den Aufbau einer starken neuen Arbeiter*innen-Internationale zusammenzuschließen und sich mit uns auf die bevorstehenden gewaltigen Kämpfe vorzubereiten.
