Wie die Herrschenden das versuchte Attentat für Rassismus und Law-Order nutzen
Von Laura Rafetseder, SO Wien
Wer nach der Absage des Taylor Swift Konzert auf den Straßen war, ist ihnen überall begegnet: Swift-Fans die in Kaffeehäusern Armbänder tauschen, Swift-Fans singend am Stephansplatz. Es sind nicht nur ganz junge Frauen, sondern auch welche über 20 bis hin zum Middle-Age.
Das Konzert wurde aufgrund eines versuchten Terroranschlags abgesagt. Wien hat bereits seine eigene Erfahrung mit Anschlagsversuchen und Anschlägen (man erinnere sich an den Herbst 2020). Da die Regierung damals ziemlich versagt hat, versucht sie sich nun, vor allem vor den Wahlen, als hart in der Sache zu positionieren, inklusive rassistischer Hetze, im Versuch, der FPÖ zuvorzukommen. Insbesondere die ÖVP setzt schon länger auf zunehmenden Rassismus und Kulturkampf, in der Hoffnung, so ein paar der FPÖ-Wähler*innen zu ergattern. Die Absage selbst wurde aber vom Veranstalter umgesetzt.
Seitdem steht die rassistische Hetze nicht still, wird wieder das Schreckgespenst “des Islams” hochgekocht, kein Wort von der alltäglichen rechten Hetze und den Gewaltfantasien (die immer öfter in die Tat umgesetzt werden) von Rechtsextremen und Faschist*innen. Und die Regierung kocht auch die Angst vor Terror hoch, um mehr Geld und mehr Durchgriffsrechte (also den Abbau demokratischer Rechte) für “Sicherheit” – also für Polizei, Geheimdienste, Militär – durchzusetzen. Kein Zufall, dass jetzt die neue Sicherheitsstrategie der Regierung beschlossen wird, inklusive weiterer Annäherung an die Nato. Gleichzeitig fehlt im Sozial- und Bildungsbereich das Geld. Die soziale Unsicherheit wird also steigen, die Perspektivlosigkeit wird steigen – und damit eine Grundlage für Gewalt und Terror. Aber dafür haben wir ja dann mehr Polizei…
Die politischen “Vertreter*innen” haben aber nicht mit der Eigendynamik der Fans gerechnet: die Enttäuschung war groß über die Absage, die Unsicherheit über Nicht- oder nur Teil-Rückerstattung von Ticket-, Hotel- und Reisekosten (in Zeiten der Inflation ist das für viele noch dramatischer). Besonders nach den Lockdowns während der Pandemie treffen solche Absagen besonders wunde Punkte.
Im Vordergrund stand plötzlich nicht mehr die Angst vor Terroranschlägen, sondern Kritik am Veranstalter und deren Profitstreben. Hinter der Absage stand nämlich nicht das Innenministerium, sondern der Veranstalter Barracuda Music. Gerüchtehalber ging es bei der Absage um Versicherungsfragen.
Moment.at, das Magazin des SPÖ-nahen Momentum Instituts, hat zur Absage des Konzerts einen Text geschrieben, wo sie zwar die rassistische Hetze der Regierung kritisiert haben, aber im Grunde den Anschlag als Anschlag auf ein weibliches Publikum und Frauen per se gezeichnet, und gefragt, warum nicht auf ein Rammstein-Konzert. Das hinterlässt aus mehreren Gründen einen schalen Geschmack.
Der Grund warum die Terrorgefahr zunimmt ist die zunehmende Unsicherheit in der Welt, die steigende Kriegsgefahr und Spannungen zwischen den imperialistischen Mächten, der eskalisierende Konflikt im Nahen Osten, rassistische Hetze gegen Muslim*innen. Es gibt Anschlagsziele, die einen fortschrittlicheren Charakter haben, wie die Pride oder das Swift-Konzert, doch die Mehrheit der Anschläge sind einfach an belebten Plätzen mit dem Ziel, möglichst viele Opfer zu schaffen (hier findet ihr einen Artikel unserer deutschen Schwesterorganisation Sol zum Anschlag in Solingen: https://sozialistischeoffensive.net/2024/08/29/deutschland-nach-dem-anschlag-in-solingen/). Und diese Opfer sind Menschen verschiedenen Geschlechts, Alters, Herkunft und Religion. Die Terrorgefahr richtet sich aufgrund der Rolle des Imperialismus gegen westliche Ziele an sich. Der islamische Fundamentalismus ist dabei die andere Seite der Medaille des Aufstiegs des Rechtspopulismus in den industrialisierten Ländern – beides Krisenerscheinungen des Kapitalismus. Auch der rechte Terror nimmt zu und ist ebenso reaktionär – genauso reaktionär wie rassistische Hetze – und beides spaltet.
Aber zurück zum Massenphänomen Swift: Wir sehen einen wütenden Aufschrei vieler enttäuschter Fans – aber auf der anderen Seite sehen wir ein völlig durchkapitalisiertes profitorientiertes Unternehmen Taylor Swift. Swift ist eine Businessfrau und mittlerweile ein Wirtschaftsfaktor. Und sie hat Macht. Aber die Absage zeigt auch, dass diese Macht nicht unbegrenzt ist – denn auch wenn ihr viele Fans die Absage verzeihen, sind andere mehr als ungehalten v.a. auch weil sie sich lange in Schweigen gehüllt hat und es z.B. keine Ersatzangebote an die Fans gab. Da wurde deutlich, dass es eben doch mehr ums Business geht als darum, die “geliebten Fans glücklich zu machen”.
Swift ist Teil des kapitalistischen Musikbiz-Modell. Sie bedient ein bestimmtes Publikum – zweifellos ein fortschrittlicheres als Rammstein & Co. Taylor Swift mag sich für Frauenrechte einsetzen und sich ihre Musikrechte zurück holen. Aber sie tut dies völlig kapitalismuskompatibel und ohne das kapitalistische System an sich zu hinterfragen. Sie ist auch keine Kämpferin gegen das Business, sondern nutzt dies geschickt für ihre eigenen Interessen. Die Konzertindustrie ist eine der letzten Bastionen der Musikindustrie, da alles andere kaum noch profitabel ist, und mit Corona hat auch diese Branche massiv Verluste gemacht. Die Massenkonzerte und der Wirtschaftsfaktor Swift sind ein Ausdruck davon.
Nach dem Konzert gab es ein kurzes Aufblitzen davon, wie Fans gemeinsam den öffentlichen Raum auch nicht-kommerziell für ihre Musik nutzen können, singend auf den Plätzen. Doch zu einer Musikkultur abseits des Profits braucht es wesentlich mehr: Eine Musikindustrie in öffentlichem Eigentum unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der Arbeiter*innenklasse, Probe- und Auftrittsmöglichkeiten abseits von Profitinteressen und ein Leben wo die Arbeit genug Zeit lässt und ausreichend bezahlt ist, um künstlerisch tätig zu sein.
Man stelle sich also eine sozialistische Welt vor: ohne Krieg, ohne Terroranschläge, ohne Rassismus, ohne Frauenunterdrückung, ohne überteuerte Ticketpreise, in der wir keine Existenzsorgen haben müssen und wo Musik allen gehört. Und die Massen auf der Straße singen.
