Von einer Beschäftigten im Werbe-KV
- Für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Personalausgleich – ohne Reallohnverluste!
- Kampf um jedes Prozent Erhöhung!
- Teilzeitarbeit ist kein Schritt hin zu Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn!
- Für Vernetzung innerhalb der Gewerkschaften für einen kämpferischen Kurs!
Der Werbe-KV ist ein relativ kleiner Kollektivvertrag, der nur in Wien gilt, in einer angeblich schlecht organisierten Branche mit vielen Klein- und Mittelbetrieben und 13.000 Beschäftigten. Der KV diente lange als Flucht-Kollektivvertrag für viele Medienbetriebe, da er ein relativ schlechter KV ist, so gab es z.B. noch 40 Wochenstunden und keine IST-Lohnerhöhung. Es gibt daher in diesem KV viele Betriebe die eigentlich nicht dorthin gehören (wie z.B. Wohnservice Wien), bzw. einige größere Medienbetriebe, die gar nicht so klein sind (z.B. ORF-Töchter, die Gewista, Österreich, Standard, eine gewisse österreichische Presseagentur etc. ). Seit Jahren werden die kleinen Werbeagenturen als Ausrede dafür verwendet, warum Kämpfe in dieser Branche nur schwer möglich sind. Allerdings gab es auch in dieser Branche bereits Kämpfe. So fand z.B. 2011 eine öffentliche Betriebsversammlung statt, als die Arbeitgeber den KV auslaufen lassen wollten. Es ist allerdings sehr schade, dass die GPA-Führung nur in solchen Notsituationen tatsächlich mobilisiert.
Warum kommentieren wir den Abschluss in diesem scheinbar unbedeutenden KV? Weil leider einige Aktivist/innen von LINKS Wien ihn als Beispiel für gelungene Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn verwenden (zumindest gab es dazu Facebook-Posting auf dem offiziellen Account von LINKS Wien).
Am 14.12.2022 gab es einen Abschluss, der eine Arbeitszeitverkürzung von 40 Stunden auf 38,5 Stunden beinhaltet. Die Gehälter werden gestaffelt erhöht, Verwendungsgruppe 1 bekommt 7,5%, Verwendungsgruppe 2 bekommt 7%, VWG 3 bekommt 6,25% und VWG 4 bekommt 6%. VWG 5+6 bekommen weniger, aber die sind weniger relevant, da sie Führungskräfte betreffen. Dazu werden die Stunden zwischen 38,5 und 40 laut Abschluss nur mit 1:1 vergütet, sind also keine echten Überstunden.
Die rollierende Jahresdurchschnittsinflation, auf die die Gewerkschaftsführung sich gerne als Ziel beruft, war zu Beginn der Verhandlungen auf 7,5% festgelegt worden. 12% hatte die Gewerkschaft ursprünglich als Erhöhung gefordert. Warum ist das für einige nur die Hälfte geworden?
Der Abschluss wurde am Tag vor angesetzten Betriebsversammlungen erzielt – also bevor überhaupt Kampfmaßnahmen gesetzt, geschweige denn angedroht wurden. An einer öffentlichen Betriebsversammlung – de fakto eine Demonstration innerhalb der Arbeitszeit – hätten z.B. auch Leute als den vielzitierten kleinen Agenturen teilnehmen können.
Die GPA-Führung feiert den Abschluss als Riesenerfolg – obwohl die Gehälter ab Verwendungsgruppe 2 sogar unter der rollierenden Jahresinflation liegen, trifft also nicht mal die Standards der Gewerkschaftsführung.
Es war höchst an der Zeit dass die Arbeitszeit bei vollem Lohn und Personalausgleich auf 38,5 Stunden reduziert wird, auch um die Schlupflöcher der schwachen KVs zu schließen. Aber wenn mobilisiert worden wäre, dann hätte diese Arbeitszeitverkürzung tatsächlich bei vollem Lohn erfolgen können. So ist es eine Arbeitszeitverkürzung bei Reallohnverlust, den sich die Beschäftigten selbst zahlen.
Die 1,5 Stunden entsprechen einer Erhöhung bei 3,75%. Die GPA-Fuehrung rechnet diese 3,75% in das Ergebnis ein. Das kommt aber tatsächlich nur bei Teilzeitkräften (die zwischen einer Stundenreduktion und einer Erhöhung wählen können) und bei Betrieben zu tragen, die bereits in einer Betriebsvereinbarung 38,5 Stunden vereinbart hatten. Für diese macht die Erhöhung um 3,75% mehr aus als die festgelegten Erhöhungen für die jeweiligen Verwendungsgruppen. Vollzeitkräfte ab VWG 2 mit 40 Regelarbeitszeit werden aber sogar unter der jährlichen Durchschnittsinflation abgespeist. Es handelt sich aber bei VWG 2, 3 und 4 durchaus nicht um große Besserverdiener. Auch sie müssen sich mit verdoppelten Strom/Gas-Raten herumschlagen. Auch wird wohl ein Kampf dafür geführt werden müssen, dass Teilzeitkräfte nicht von den Arbeitgebern in eine Verkürzung statt der Erhöhung gedrängt werden, da dies einvernehmlich erfolgen muss und die Arbeitgeber bekanntlich am längeren Ast sitzen.
Es ist schon bemerkenswert, dass von der GPA-Führung – und von einigen LINKS Wien Mitgliedern – gefeiert wird, dass die Arbeitgeber in einem Jahr von 11% aktueller Inflation im November eine Arbeitszeitverkürzung einer Reallohnerhöhung vorziehen. Dieser Abschluss ist kein Ergebnis eines Kampfes. Er ist das Ergebnis eines Abtausches von Reallohnerhöhung gegen Arbeitszeitverkürzung. Manche Betriebe in der Branche hatten sich durchaus vor Erhöhungen im Bereich von 8-9% gefürchtet. Der Abschluss ist also ein Weihnachtsgeschenk an die Bosse. Noch dazu wo diese vermutlich in einer Arbeitszeitverdichtung münden wird, da viele Betriebe nicht bereit sind für den Personalausgleich zu sorgen – und auch das müsste erkämpft werden. Aber wenn wir hier einen Kampf führen, dann könnte doch auch gleich ein Kampf für eine Reallohnerhöhung geführt werden.
Es ist nämlich nicht so, dass man sich freuen muss, wenn die Arbeitgeber uns das zugestehen was uns schon lange zusteht – nämlich eine Angleichung an 38,5 Stunden, die in vielen Branchen schon längst Normalität sind. In einem Jahr in dem in vielen Branchen Streiks stattfinden, und selbst der Handel mit Streik gedroht hat, wurde im Werbe-KV nicht mal versucht mit Kampf zu drohen.
Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und eine echte Reallohnerhöhung über der aktuellen Inflation wären nämlich möglich gewesen – wenn gekämpft und mobilisiert worden wäre. Wie man im Handel sieht, stärkt ein Kampf bzw. allein die Diskussion darüber den Organisationgrad. Die Leute beginnen der Gewerkschaft beizutreten und überlegen Betriebsräte zu gründen. Diese Chance wurde im Werbe-KV liegen gelassen.
Aus all diesen Gründen ist nicht nachvollziehbar, warum führende Mitglieder von LINKS Wien, das endlich beginnt auch im betrieblichen Bereich sich besser aufzustellen, den Abschluss als Vorbild und Schritt in Richtung 30 Stunden feiern. Ja, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Personalausgleich ist eine gute Sache und fordern wir auch. Aber sie fällt nicht vom Himmel als Geschenk der Bosse – wir müssen sie erkämpfen. LINKS müsste einen Plan entwickeln, wie Kämpfe konsequent geführt werden können. Sie müssten beginnen, Schritte in Richtung Vernetzung innerhalb der Gewerkschaften für kämpferische Politik zu setzen. Solche Schritte bedeuten aber auch, den Kuschelkurs der Gewerkschaftsführung mit den Arbeitgebern in Frage zu stellen. Gleichzeitig muss es eine demokratische Debatte über die Beurteilung der Abschlüsse in den Lohnrunden sowie über die Frage „wie kämpfen“ innerhalb von LINKS geben.
Ein Argument von Aktivist/innen von LINKS war, dass ja alle Abschlüsse unter der aktuellen Inflation seien und daher egal wäre, dass der Werbe-KV noch schlechter abgeschlossen hat, und man daher die 38,5 Stunden feiern könne. Aber wie arrogant ist das gegenüber jenen Leuten, die Vollzeitkräfte ab Verwendungsgruppe 2 im Werbe-KV sind und für die jedes Prozent einen Unterschied macht ob sie ihre Strom/Gas-Rechnung zahlen können? LINKS sollte einen Kampf für jedes einzelne Prozent und für jede einzelne Stunde Verkürzung führen, anstatt Echo für die Gewerkschaftsführung zu spielen.
Ein führender Aktivist bei Links hat korrekt argumentiert, dass eine 30-Stundenwoche ein wichtiges Mittel gegen den Klimawandel wäre. Allerdings hat er diese Ausführung geschlossen mit „Ich geh schon mal voran und arbeite seit 2 Jahren 24 Stunden pro Woche. Mit meiner gewonnen Zeit mache ich Politik und Kunst. Und du so?“. Das ist natürlich ein persönliches Statement und keine offizieller Standpunkt von LINKS. Dennoch: Wenn Teilzeitarbeit ein Schritt in Richtung Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn wäre, dann wäre der Handel eine Musterbranche. Aber im Gegenteil ist Teilzeit besonders für (oft alleinerziehende) Frauen nur halb freiwillig und eine Armutsfalle. Mit der „gewonnenen Zeit“ müssen Frauen sich oft um die Kinder kümmern – es ist für sie keine Freizeit. Anstatt Teilzeitarbeit als Modell zu propagieren, sollten LINKS und seine Aktivist/innen einen echten Kampf für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Personalausgleich ohne Reallohnverlust unterstützen – und für höhere Löhne!
